Islamisten greifen Ägyptens Christen an

Seit dem Sturz Mohamed Morsis greifen Islamisten verstärkt christliche Einrichtungen an. Durch Propaganda werden die Christen für den Sturz verantwortlich gemacht. Weder Polizei noch Justiz schützen sie.

Leicht hatten es die koptischen Christen in Ägypten noch nie. Doch was sich seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Mohamed Morsi in dem Land am Nil abspielt, stellt selbst für ägyptische Verhältnisse eine neue Qualität dar: allein seit dem Massaker an hunderten demonstrierenden Islamisten am 14. August gab es laut Ishak Ibrahim von der „Egyptian Initiative for Personal Rights“ (EIPR) mindestens 44 Anschläge auf Kirchen. Damit sind Angriffe gemeint, bei denen Kirchen völlig oder zum großen Teil zerstört worden sind. Und diese Zahl schließt islamistische Mob-Attacken ohne größere Schäden noch gar nicht mit ein. Die Situation hat sich vor allem seit der Absetzung Morsis am 3. Juli erheblich verschlechtert. Für Ishak Ibrahim, der Wissenschaftler im Forschungsprogramm für Religionsfreiheit der EIPR ist, gibt es dafür einen zentralen Grund: „Wir konnten beobachten, wie Führer der Muslimbruderschaft gegen Kopten hetzen. Sie vermitteln ihren Anhängern den Eindruck, dass die Kopten zusammen mit der Armee Morsi aus dem Amt jagten, um die islamische Herrschaft zu beenden.“

Muslimbrüder hetzten gegen Christen

Immer wieder haben hochrangige Vertreter der Organisation behauptet, die koptischen Christen wären gegen die Scharia und gegen den Islam in Ägypten. Auch wenn die Muslimbrüder öffentlich meist betonen, dass sie nichts gegen Christen hätten: auf ihren arabischen Internetseiten konnte man immer wieder das Gegenteil lesen. Ein aktuelles Beispiel ist die regionale Facebook-Seite der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder in Helwan. Sie unterstellte dem koptischen Papst zum Beispiel, er würde Gruppen unterstützen, die Moschen angreifen und Chaos auf den Straßen erzeugen. Auch würde die Kirche einen Krieg gegen den Islam und die Muslime führen. Die Muslimbruderschaft behauptet, derartige Webseiten seien Fälschungen, um die Gruppe zu verunglimpfen. Gleiches behauptet sie über die gegenwärtigen Angriffe auf christliche Einrichtungen. Doch die vergangene zum Teil hetzerische Rhetorik der Muslimbrüder spricht dafür, dass die jetzigen Angriffe tatsächlich von Islamisten ausgehen dürften. Einer dieser Angriffe ereignete sich Anfang August in dem Dorf Bani Ahmed in der Provinz Scharkia. Auslöser war ein Streit eines Christen, der die Absetzung Morsis bejubelte mit einem Muslim, der den Ex-Präsidenten unterstützte. Ishak Ibrahim fasst zusammen, was daraufhin folgte: „Viele hundert Muslime aus umliegenden Dörfern attackierten daraufhin die Häuser von Christen und auch die Kirche. Die Christen versuchten, ihre Häuser zu schützen. Doch am Ende wurden mehr als 43 Häuser niedergebrannt und ausgeraubt.“

Das Rechtssystem wird ausgehebelt

Die Polizei traf wie meist in solchen Fällen erst Stunden später ein. Doch noch schlimmer war das Ergebnis der sogenannten „Versöhnungssitzung“. Es handelt sich dabei um Treffen zwischen Repräsentanten der christlichen und der muslimischen Einwohner eines Ortes. In ihnen wird nach solchen Ereignissen eine außergerichtliche Einigung zwischen beiden Gruppen getroffen. Meist drängen die staatlichen Behörden auf solche Einigungen. Das Rechtssystem wird so ausgehebelt und die Täter entkommen dadurch meist einer gerechten Strafe. Wegen der häufigen Straflosigkeit entsteht für die Täter deshalb auch keine abschreckende Wirkung, eine ähnliche Tat nochmal zu begehen. In Bani Ahmed erstatteten die betroffenen Christen nach dem Angriff Anzeige bei der nächsten Polizeistation. Daraufhin sagten, laut Ishak Ibrahim, Vertreter der Muslimbruderschaft, sie würden das Problem lösen. Am Ende sei beschlossen, worden, ein siebenköpfiges „Richterkomitee“ zu gründen. Alle sieben Mitglieder des Komitees seien Muslime gewesen, fünf davon Mitglieder der Muslimbruderschaft. Ishak Ibrahim beschreibt das Ergebnis dieser sogenannten „Versöhnungssitzung“: „Die Christen mussten ihre Anzeige bei der Polizeistation zurückziehen und die Opfer wurden nicht finanziell entschädigt. Sollte wieder ein Kampf ausbrechen, würde keine der beiden Parteien das Gotteshaus des anderen angreifen. Außerdem sollte in diesem Fall wiederum das Komitee eine Urteil fällen.“

Das unbefriedigende Ergebnis zeigt, dass das Problem nicht nur bei den Angriffen durch islamische Extremisten liegt. Es ist auch das totale Versagen des staatlichen Sicherheitsapparates und der Justiz. Die koptischen Christen können dadurch ihre Rechte nicht durchsetzen und sind oft der Willkür der Islamisten ausgesetzt. Dieses Versagen der staatlichen Institutionen existierte bereits unter Hosni Mubarak und Mohamed Mursi. Doch durch die nach dem Sturz Morsis stark gestiegene Zahl der Angriffe erhält das Problem eine ganz neue Größenordnung. Ein Abebben dieser Angriffe ist im Moment nicht in Sicht: fast täglich kommt es zu neuen Angriffen auf Kirchen und christliche Einrichtungen.

(Der Artikel erschien am 21.8.13 bei Deutsche Welle)

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