Die Gewalt breitet sich aus

Dutzende Schuetzenpanzer blockieren die EIngaenge zum Tahrirplatz Foto: Matthias Sailer

Dutzende Schuetzenpanzer blockieren die EIngaenge zum Tahrirplatz Foto: Matthias Sailer

Ägypten wird immer instabiler: In weiten Teilen Kairos kam es nach dem Freitagsgebet zu Gewalt. Polizei und Militär schossen mit scharfer Munition auf Demonstranten. Viele der Islamisten sind bereit zu sterben. 

Dutzende Panzer haben Kairos Tahrirplatz abgeriegelt. Das neue Militärregime will damit wohl verhindern, dass demonstrierende Islamisten den symbolischen Platz besetzen könnten. Letztere haben 28 Märsche angekündigt, die sich nach dem Freitagsgebet alle am drei Kilometer entfernten Ramses-Platz treffen sollen. Über Zehntausend haben sich nach dem Gebet dort eingefunden. Sie schreien laut „Islamisch, islamisch!“ und „das ist der Ärger der Muslime, sie haben die Menschen verbrannt!“. Es ist eine Anspielung auf das Massaker von Rabba Al-Adawija bei dem hunderte Menschen, vor allem Islamisten, getötet wurden. Viele von ihnen verbrannten. In den Stimmen der Demonstranten sind Zorn und absolute Entschlossenheit zu hören. Adel Badri, ein etwa 50-jaehriger Fischhändler, sitzt auf einer nahegelegenen Grünfläche. Er war vor der Räumung täglich in Rabba: „Einer meiner engsten Freunde wurde dort ermordet. Sein toter Körper ist verbrannt. Ich stamme aus einem Dorf in der Provinz Monofeia und aus jedem der umliegenden Dörfer sind mindestens zwei Menschen getötet worden.“

Viele Demonstranten sind bereit zu sterben

Es war vorhersehbar: das Rabaa-Massaker hat bei den Islamisten eine ungeheure Wut erzeugt. Die meisten von ihnen sind bereit, „als Märtyrer“ zu sterben. Der Kampf gegen Polizei und Militär ist in den Augen vieler von ihnen zudem ein Kampf für den Islam. Wochen- und monatelange Verherrlichung des Märtyrertums  durch ihre Führung hat ihnen echten Todesmut verliehen. Inzwischen wollen sie nicht nur die Rückkehr ihres Präsidenten: an die Polizei und das Militär gerichtet rufen sie: „erinnert Euch an Eure vergangenen Tage: heute Nacht wird eine dunkle Nacht für Euch werden!“. Einige Demonstranten werfen einen großen metallenen Müllcontainer um, steigen darauf und feuern die Menge an: „Wir werden ihnen echten Ärger zeigen und Manieren beibringen!“. Ein anderer ruft: „Mein Blut und meine Seele opfere ich für den Islam!“

Demonstranten am Ramses-Platz. Foto: Matthias Sailer

Demonstranten am Ramses-Platz. Foto: Matthias Sailer

Momen, ein weiterer Demonstrant fügt an das Regime gerichtet hinzu: „Diese Leute sind Killer, sie haben geputscht und wollen uns nicht wählen lassen. Sie wollen uns immer als Menschen zweiter Klasse halten, während sie die erste Klasse sind. Aber das werden wir nicht zu lassen, auch wenn wir dabei alle sterben.“

Moscheen als Feldlazarette

Kurz darauf wird es laut: Demonstranten schlagen auf das Metall der Geländer der nahegelegenen Stadtautobahn, an deren anderem Ende die Sicherheitskräfte Position bezogen haben. Schüsse fallen in schneller Abfolge. Die Menschen rennen aus Furcht in die entgegengesetzte Richtung, die ganze Menge gerät in Bewegung. Anders als in vorangegangenen Protesten werden diesmal kaum Tränengasgeschosse abgefeuert.

Demosntranten errichten Barrikaden. Foto: Matthias Sailer

Demosntranten errichten Barrikaden. Foto: Matthias Sailer

Stattdessen fallen immer wieder Schüsse und nach wenigen Minuten rasen die ersten Motorräder und Pick-Ups mit aufgeladenen Verwundeten zu einer nahegelegenen Moschee, die zu einem Feldlazarett umfunktioniert wurde. Ein Mann mit verbundenem Arm läuft in Richtung der Kämpfe und ruft mit zitternder Stimme „ich wurde in Rabaa verwundet. Jetzt muss man mir erlauben als Märtyrer zu sterben!“ im Hintergrund ruft der Imam durch den Moscheelautsprecher, dass Ärzte und Transportwagen benötigt werden und Tote in den ersten Stock getragen werden sollen. Im Inneren der Moschee liegen Verwundete auf dem grünen Gebetsteppich, Ärzte mit blutverschmierten weisen Arztkitteln rennen durch den Raum oder behandeln Patienten. Überall liegt gebrauchtes Verbandsmaterial auf dem Boden. Man sieht vor allem Verletzungen durch Schrotmunition.

Im inneren des Feldlazaretts in einer Moschee nahe des Protestcamps. Foto: Matthias Sailer

Im inneren des Feldlazaretts in einer Moschee nahe des Protestcamps. Foto: Matthias Sailer

Vor dem Eingang sagt Adel Badri: „Verteidigungsminister Al-Asisi möchte einen Bürgerkrieg in Ägypten heraufbeschwören, damit er an der Macht bleiben kann. Die haben auch die Kirchen niedergebrannt, damit sie es den Islamisten in die Schuhe schieben können“

Gewalteskalation war einfach vorherzusehen

Was Al-Asisi mit seinem brutalen Vorgehen tatsächlich bezweckt ist schwer zu sagen. Doch die jetzige sich im ganzen Land weiter ausbreitende Gewalt war eine einfach vorhersehbare Folge seines Handelns. Es fällt daher schwer, zu glauben, dass diese Eskalation von ihm ungewollt ist. Und die Gewalt breitet sich an diesem Tag in fast allen Stadtteilen Kairos aus. An der S-Banstation „Ghamra“ wirft ein Mob von vermutlich dafür bezahlten armen Jugendlichen Steine und Feuerwerkskörper von unten auf eine Brücke. Die Passanten fliehen in Panik. Einen Straßenzug weiter greifen andere Jugendliche einen im traditionellen weissen islamischen Gewand gekleideten Mann an. Sie zerren ihn in eine Seitenstraße und schlagen ihn, weil sie ihn für einen Islamisten halten. Im Bezirk Garden City sind Panzer aufgefahren: in den dortigen Straßen nahe dem Nil fallen über Stunden hinweg Schüsse. Militär und Polizei gehen auch hier mit scharfer Munition gegen demonstrierende Islamisten vor. Immer wieder sind laute „Gott ist groß“-Rufe zu hören. Auch in vielen weiteren Stadteilen kommt es zu blutigen Kämpfen. Angesichts der Brutalität der Sicherheitskräfte am helllichten Tag kann man davon ausgehen, dass diese sich nach Beginn der nächtlichen Ausgangssperre noch weiter steigert.

(Artikel erscheint am 16.8.13 bei Deutsche Welle)

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