Protest der Islamisten verfestigt sich

Mit Sandsaecken und Stahlwaenden geschuetzter Eingang zum Protestcamp in Rabaa Al-Adawiya.    Foto: Matthias Sailer

Mit Sandsaecken und Stahlwaenden geschuetzter Eingang zum Protestcamp in Rabaa Al-Adawiya. Foto: Matthias Sailer

Trotz Vermittlungsversuchen beharren die Muslimbrüder auf einer Wiedereinsetzung Mursis. In ihrem Protestcamp gibt es kaum Kompromissbereitschaft. Eine gewaltsame Auflösung des Camps würde in einem Blutbad enden.

Nach sechs Wochen Dauerprotest hat sich das größte Protestcamp der Islamisten in Kairo verändert: der Eingang gleicht nun einer Festung. Zahlreiche massive Sandsackbarrieren und selbst zusammengeschweißte Stahlwände  dienen als Schutz vor Schüssen und motorisierten Angriffen. Über den Eingangstoren hängen Portraits des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi und bunte Protestbanner mit Sprüchen wie „Wo ist meine Wahlstimme geblieben?“. Im Inneren gleicht das Camp inzwischen mehr einer kleinen Stadt: tagsüber leben hier Zehntausende in selbstgebauten Zelten. Es gibt eine von Frauen betriebene Bäckerei mit Öfen, in einer Metzgerei wird Fleisch zurechtgeschnitten und

Metzgerei im Protestcamp. Foto: Matthias Sailer

Metzgerei im Protestcamp. Foto: Matthias Sailer

in einer Moschee wurde ein Pressezentrum eingerichtet. Dort halten sich zahlreiche hohe Funktionäre der Islamisten auf. Einer von ihnen ist Ayman Abdel Ghani. Er ist Mitglied des Parteipräsidiums der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder. Trotz der zahlreichen internationalen Vermittlermissionen bleibt er bei der offiziellen Haltung der Muslimbrüder: „Wir begrüßen jede ernsthafte Initiative der EU und anderen. Aber sie sollte auf drei Dingen basieren: die Wiedereinsetzung des Präsidenten, des Parlaments und die Reaktivierung der Verfassung.“

Ayman Abdel Ghany. Foto: Matthias Sailer

Ayman Abdel Ghany. Foto: Matthias Sailer

„Das Militär möchte nicht verhandeln“

Einige Beobachter gehen davon aus, dass sich die Führung der Muslimbruderschaft bewusst ist, dass Mursi nicht wiedereingesetzt werden wird und längst über Kompromisslösungen diskutiert wird. Doch die große Mehrheit der Demonstranten bezeichnet die Rückkehr des Ex-Präsidenten weiterhin als nicht verhandelbar. Bevor das nicht erreicht sei, werden sie weiter demonstrieren, meint zum Beispiel Naima, die in der Bäckerei des Camps arbeitet. Wenn sie aufhören zu demonstrieren, fügt sie von anderen Frauen umringt hinzu, würde man sie umbringen oder einsperren. Tatsächlich haben die Verhaftungswellen und die Gewalt des Militärs und der Polizei in den letzten Wochen wenig dazu beigetragen, diese Angst zu entkräften. Doch es gibt auch eine kleine Handvoll kompromissbereiterer Demonstranten, etwa der Student Mohammed. Er hält wenig von dem sturen Beharren auf eine Wiedereinsetzung Mursis und würde auch einen Kompromiss ohne dessen Rückkehr akzeptieren: „Eine Lösung gibt es, wenn das Militär seine Hand zu uns ausstreckt, um zu verhandeln. Aber das Militär möchte nicht mit den Muslimbrüdern und den Salafisten verhandeln. Sie nutzen die Situation, um all ihre Feinde loszuwerden, sie sehen uns als ihre Feinde.“

Von Frauen betriebene Baeckerei im Protestcamp. Foto; Matthias Sailer

Von Frauen betriebene Baeckerei im Protestcamp. Foto; Matthias Sailer

Islamisten sehen kaum eigene Fehler

Damit meint Mohammed jedoch nicht nur die islamistischen Parteien, sondern auch die liberalen Gruppen, die das aggressive Verhalten der Staatsmacht kritisieren. In der Tat haben Staatsapparat und Medien ein Klima geschaffen, in dem sachliche Kritik am Vorgehen von Militär und Polizei kaum möglich ist, ohne sofort als Islamist abgestempelt zu werden.  Das sture Beharren vieler Demonstranten schreibt Mohamed vor allem ihren Führern zu. Die Demonstranten würden einfach auf sie hören. Deshalb glaubt Mohamed auch, dass die meisten Demonstranten das Protestcamp räumen würden, sofern besagte Anführer einen Kompromiss mit dem Militär aushandeln würden –notfalls auch ohne eine Rückkehr Morsis. Doch für Mohammed müsste das Militär dafür erst mal guten Willen zeigen und zum Beispiel verhaftete Islamisten freilassen. Eigene Fehler ihres gestürzten Präsidenten geben die Islamisten jedoch nach wie vor kaum zu. Für den etwa 60-jährigen Mahmoud ist klar: „Präsident Mursi ist ein guter Mensch. Er hatte gute Absichten. Sein größter Fehler war, dass er Justiz, Polizei und Medien nicht rechtzeitig von Vertretern des alten Regimes gesäubert hat“

Dem Eingang vorgelagert befinden sich zahlreiche massive Sandsackwaelle, um auch motorisierte Angriffe abwehren zu koennen. Foto: Matthias Sailer

Dem Eingang vorgelagert befinden sich zahlreiche massive Sandsackwaelle, um auch motorisierte Angriffe abwehren zu koennen. Foto: Matthias Sailer

Gewaltsame Auflösung des Protestcamps würde zu einem Blutbad führen

Doch das ist ein schöngefärbtes Bild. Mursi versuchte, die Justiz durch ein Dekret im Grunde völlig zu entmachten. Und dort, wo es ihm nutzte, verwendete der Ex-Präsident Sicherheitsapparat und Justiz selbst, um seine Kritiker mundtot zu machen. Auch zahlreiche von den Islamisten verabschiedete Gesetze waren nicht weniger autoritär als die unter Mubarak. Kritische Selbstreflexion ist den meisten Islamisten nach wie vor fremd. Die Demonstranten fühlen sich daher vollständig im Recht. Mahmoud legt entsprechend nach:„Wenn sie versuchen, das Camp aufzulösen, werden wir an einen anderen Ort ziehen und dort demonstrieren. Wir werden nach Hause gehen und wieder kommen, zu vielen anderen Plätzen, um unsere Forderungen kund zu tun.“

In den aus Holzbalken gebauten Zelten befinden sich haeufig auch Ventilatoren und Fernseher. Foto: Matthias Sailer

In den aus Holzbalken gebauten Zelten befinden sich haeufig auch Ventilatoren und Fernseher. Foto: Matthias Sailer

Doch zuvor würde es in diesem Fall wohl zu einem Blutbad kommen. Denn das Camp ist nicht nur schwer gesichert, sondern viele Demonstranten haben den Protest längst auch mit einem Kampf für den Islam verbunden. In einem der unzähligen Zelte hält zum Beispiel ein Religionsgelehrter vor etwa 40 auf Teppichen sitzenden Zuhörern eine Vorlesung über Märtyrertum: „das Beste, was Allah einem Menschen geben kann, ist ein Märtyrer zu sein“, sagt der Gelehrte ruhig und fährt fort: „es ist der einzige Weg, sich von seinen Sünden zu befreien“. Anschließend würde man ins Paradies einkehren. Mit Bezug auf die Verteidigung des Camps sagt er schließlich: „Wenn Dich eine Kugel trifft, kommst Du ins Paradies“.

(Artikel erschien in aehnlicher Form am 7.8.13 bei Deutsche Welle)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s