Islamisten verschärfen Ihre Rhetorik

Foto: Matthias Sailer

Foto: Matthias Sailer

Die gegen die Absetzung ihres Präsidenten demonstrierenden Islamisten fallen mit zunehmend radikaleren Aussagen auf. Fehler gestehen sie nach wie vor nicht ein, sondern rechtfertigen sie mit Verschwörungstheorien.

Hunderttausende Islamisten kamen an diesem Abend wieder in Nasser City, einem Außenbezirk Kairos, zusammen. Neben den Muslimbrüdern versammeln sich hier auch zahlreiche salafistische Gruppen. Zwischen den ägyptischen Fahnen sieht man die Saudi Arabiens und die schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, die oft von Al-Kaida verwendet wird. Die Anführer eintreffender Märsche skandieren „islamisch, islamisch!“ und rufen „für den Islam opfern wir unsere Seele und unser Blut!“. Die Menge ruft die Sätze im Chor zurück.

Doch plötzlich wird es laut: acht Kampfjets der ägyptischen Luftwaffe donnern über das Protestgelände, teilen sich in zwei Viererformationen und formen mit weißem Rauch ein großes Herz an den blauen Himmel. Für Sekunden hören die martialischen Rufe auf. Alle richten ihre Köpfe nach oben und staunen über das Herz am Himmel. Auf vielen Gesichtern sieht man ein Lächeln, Jubel bricht aus. Doch  eine laute Durchsage von der Rednerbühne beendet den kurzen Freudenmoment: „Das Herz ist für die Anti-Morsi Demonstranten am Präsidentenpalast bestimmt!“ Etwas leiser und fast enttäuscht beginnen die Demonstranten an den Verteidigungsminister gerichtet zur rufen: Verschwinde, Asisi!“. Masri, ein etwa 25-jaehriger Demonstrant, lässt sich von dem Schauspiel nicht täuschen: „Wir werden hier bleiben, bis unser Präsident Morsi wieder im Amt ist. Denn Verteidigungsminister Asisi ist nicht unser Präsident. Was geschehen ist, ist ein Militärputsch.“

Foto: Hammuda Bdewi

Foto: Hammuda Bdewi

Hasspredigt gegen die politischen Gegner und Journalisten

Ob das Himmelsschauspiel ein Versuch der Armee war, die Demonstranten zu spalten oder tatsächlich den Anti-Morsi Demonstranten gegolten hat, bleibt unklar. Gegen 19 Uhr beginnt schließlich das Abendgebet und die versammelten Massen reihen sich Mann an Mann. Was dann folgt, kann man nur als Hasspredigt bezeichnen. Der Imam bittet Allah, Verteidigungsminister Al-Asisi zu besiegen, seinen Unterstützern „das Blut in den Adern gefrieren zulassen“ und „ihre Arme und Beine zu lähmen“. Er bittet Allah weiter, dass er sich an ihnen und allen ihren Helfern rächen möge. Zudem möge Allah Morsi helfen und ihn beschützen. Gegen Ende fügt er noch hinzu: “Möge Allah sich an allen Journalisten rächen, die das Land zerstören wollen.“ Auf die Frage, wen der Imam mit „Unterstützern“ meinte, antwortet Masri ohne zu zögern: „Es sind alle, die uns angegriffen und auf uns geschossen haben, zum Beispiel Mohammed El-Baradei, der Oppositionspolitiker Hamdien Sabahi, der Innenminister und die Anführer der Polizei –die einfachen Polizisten aber sind unsere Söhne.“

Matthias Sailer

Matthias Sailer

Einige der Betenden brechen bei den Worten des Imams fast in Tränen aus. Das fundamentalistische Gebaren hat sich in den letzten Tagen extrem gesteigert. Noch drei Tage zuvor waren die Aussagen der Redner und des Imams in Nasser City weitaus gemäßigter. Auch die Wachmannschaften auf dem Protestgelände wirken immer fundamentalistischer. In Zweierreihen stehen sie mit Knüppeln bewaffnet in Reih und Glied. Es folgt ein Frage- und Antwortrufen mit ihrem Anführer: „Was ist Euer Buch?“ -„der Koran“. „Wer ist Euer Prophet?“ -„Mohammed“.  „Was wollt ihr hier?“ –„wir wollen sterben für Allah!“. Anschließend fangen sie im Stand zu marschieren an und rennen im Gleichschritt zu Ihren Posten.

„Die haben Ihnen künstliche Bärte angeklebt.“

Doch nahezu jeder der Demonstranten betont den angeblich friedlichen Charakter der hier demonstrierenden Islamisten. Am Freitag marschierte ein über 1000 Mann starker Islamistenmarsch fast direkt an den von Gegendemonstranten besetzten Tahrirplatz. Dass es dadurch zu blutigen Straßenkämpfen kommen würde, war zu erwarten. Auf die Frage, warum die Islamisten es dennoch gemacht haben, antwortet der Pro-Morsi Demonstrant Ahmed Gamal folgendes: „Das stimmt nicht, keiner der Morsi-Unterstützer  ist an den Tahrirplatz marschiert. Diese Leute waren vom Innenministerium und dem Mubarak-Regime, um Unruhen zu erzeugen. Die sind dafür bezahlt worden, damit die Menschen Präsident Morsi noch mehr hassen. Die haben Ihnen künstliche Bärte angeklebt.“

Viele Islamisten sind in Ägypten an ihren langen Bärten zu erkennen. Auch andere Demonstranten gaben diese skurril wirkende Antwort. Und sie fügten hinzu, dass der Verteidigungsminister diese Aktionen mit den USA und Israel koordinieren würde. Derartige Verschwörungstheorien sind unter den Demonstranten weit verbreitet. Wie es angesichts solcher Einstellungen und derartiger Hetze zu einer Wiedereingliederung der Islamisten in die Politik kommen soll, bleibt offen. Mit Ausnahmen zeigen sie sich bisher weiterhin völlig kompromisslos. Mohamed El-Gazar demonstriert nur wenige Kilometer entfernt vor dem Präsidentenpalast gegen die Islamisten und macht sich keine Illusionen: „Es wird lange dauern. Vermutlich wird es Streit geben und sie werden Widerstand leisten. Aber selbst wenn es vorübergehend zu Terroranschlägen kommen sollte, beweist das nur, dass wir Anti-Morsi Demonstranten zu Recht misstrauisch waren.“

Etwas Hoffnung kommt von der bedeutenden salafistischen „Nour-Partei“: sie nimmt bereits an den Verhandlungen mit dem neuen Präsidenten über die zu bildende Regierung teil.

(Artikel erscheint bei Deutsche Welle am 8.7.13)

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