Nach Sturz: Islamisten geschockt aber entschlossen

Waechter

Nach dem Sturz Ihres Präsidenten sind Ägyptens Islamisten geschockt. Dennoch wollen sie weiterdemonstrieren. Massenverhaftungen durch das Militär blieben bisher aus und zu politischer Ausgrenzung soll es nicht kommen.

Ihre Gesichter sind betrübt und nachdenklich: in Nasser City, einem Außenbezirk Kairos, demonstrieren nach wie vor zehntausende Islamisten für Ihren gestürzten Präsidenten. Doch die Stimmung ist gedrückt. Der Anheizer auf der Rednerbühne gibt sich alle Mühe, die Menge anzustacheln, doch die Reaktion des Publikums bleibt im Vergleich zu den Tagen davor verhalten.  Einen Tag nach dem Sturz ihres Präsidenten Mohammed Morsi können Viele nicht glauben, was passiert ist. Hinzu kommt die Erwartung von Angriffen auf das Protestgelände und weiteren Verhaftungen ihrer Führer. Deutlich Mehr als noch vor einigen Tagen tragen Helme und Knüppel, um das Gelände im Fall des Falles verteidigen zu können. Die Eingänge sind mit Steinmauern gesichert hinter denen mehrere Reihen Jugendlicher mit Knüppeln und Schilden stehen. Die Sicherheitskontrollen sind scharf. Doch trotz anderer Befürchtungen blieben die Islamisten bisher überwiegend friedlich, erkennt auch Abdul Bar Zahran, ein Parteifunktionär der bisher oppositionellen Partei der Freien Ägypter an: „Ich bin optimistisch. Sogar die „Islamische Gruppe“ hat ihre Anhänger nicht zur Gewaltanwendung aufgerufen, das finde ich gut.  Auch Präsident Morsi hat die Anhänger der Muslimbrueder angehalten, keine Gewalt anzuwenden, wenn sie für ihn demonstrieren.“

Die Niedergeschlagenheit ist in allen Gesichtern sichtbar.  Foto: Matthias Sailer

Die Niedergeschlagenheit ist in allen Gesichtern sichtbar. Foto: Matthias Sailer

Haftbefehle bisher nicht vollzogen

Die „Islamische Gruppe“ ist eine fundamentalistische salafistische Organisation, die zumindest in der Vergangenheit Terrorakte begangen hat. Und auch das Militär hat bisher keine Gewalt angewendet, um das Protestgelände zu räumen. Alle islamistischen Demonstranten betonen, dass die Armee zwar nach dem Putsch mit gepanzerten Fahrzeugen vorgefahren sei, jedoch nichts feindliches unternommen hat. Lediglich der Zugang für die Demonstranten sei für einige Zeit blockiert gewesen. Als man den Soldaten klar gemacht habe, dass sie unerwünscht seien, seien die Truppen schließlich wieder abgezogen. Einen Angriff gab es dennoch, sagt Mohamed Abdel Lam: „Gestern hatten wir einen Scharfschützen, der auf drei Menschen geschossen hat. Einer wurde in den Kopf getroffen, ein weiterer in den Bauch und ein Dritter ins Bein. Da die Armee die islamistischen Fernsehstationen geschlossen hat, hat keiner davon erfahren.“

Foto: Matthias Sailer

Foto: Matthias Sailer

Ein anderer Demonstrant, Mahmoud, ein Imam aus der Stadt Mansura, spekuliert, dass hinter dem Scharfschützen der Staatssicherheitsdienst steht. Er wolle die Demonstranten terrorisieren. Die Stimmung bleibt daher weiter sehr angespannt  und auch die Wut auf den Verteidigungsminister Abdel Fattah Al-Sisi ist groß. Als ein Militärhubschrauber über die Menge fliegt, ziehen viele kurzerhand ihre Schuhe aus und halten sie in Richtung Helikopter. Dabei rufen sie „Geh nach Hause Sisi, Morsi ist unser Präsident!“. Die von der staatlichen Zeitung Al-Ahram gemeldeten 300 Haftbefehle gegen führende Funktionäre der islamistischen Parteien, scheinen zumindest bisher nicht vollzogen worden zu sein. Mitglieder der Muslimbruderschaft berichten zwar von einigen Verhaftungen und erwarten auch, dass deren Zahl noch steigt. Doch Massenverhaftungen  hat es bisher nicht gegeben. Abdul Bar Zahran betont zudem, dass es nicht die Absicht der ehemaligen Opposition sei, die Islamisten aus dem politischen System auszuschließen: „Vielleicht sieht es heute nicht danach aus, wegen der Haftbefehle gegen viele von Ihnen. Da kann ich verstehen, dass es jetzt die Angst gibt, dass sich Ägypten wieder in Richtung Diktatur entwickelt, aber das ist nicht unsere Absicht.“

Demonstranten halten ihre Schuhe in Richtung des ueberfliegenden Militaerhubschraubers.  Foto: Matthias Sailer

Demonstranten halten ihre Schuhe in Richtung des ueberfliegenden Militaerhubschraubers. Foto: Hammuda Bdewi

Islamisten beharren darauf, Morsi wieder einzusetzen

Abdul Bar Zahran betont, dass sich die Haftbefehle seines Wissens nach gegen diejenigen richten würden, die Hetze betrieben und zu Gewalt aufgerufen haben. Sie sollten seiner Meinung nach ein faires Gerichtsverfahren bekommen. Wie realistisch dies angesichts der hochpolitisierten Justiz jedoch ist, bleibt abzuwarten. Die liberalen Parteien, so Abdul Bar Zahran, hätten zudem nicht vor,  den gleichen Fehler zu machen, wie die Islamisten, nämlich ihren politischen Gegner ignorieren. Das würde die Nation nur erneut spalten. Doch auch wenn die Islamisten bisher überwiegend friedlich sind, sie denken im Moment nicht daran, ihre Ansprüche auf die Präsidentschaft fallen zu lassen und ihre Proteste zu beenden, sagt auch Mohamed Abdel Lam: „Wir werden unsere friedliche und demokratische Linie fortsetzen und hier demonstrieren und zwar solange bis Morsi wieder an der Macht ist. Ob das heute, morgen oder nächstes Jahr sein wird –wir können hier bleiben und selbst unsere Familien hier her holen.“

Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Demonstranten die Absetzung Morsis als einen Putsch gegen den Islam werten, den sie zu vertreten glauben. Zumindest das Potential für die viel befürchtete Gewaltexplosion bleibt also weiter erhalten. Das kann man auch in Nasser City immer wieder sehen: etwas abseits der Rednerbühne steht ein Mann der ein Schild über seinen Kopf hält, auf dem sein Name steht. Darunter schreibt er „ich bin bereit als Martyrer zu sterben“.

(Artikel erschien am 4.7.13 bei Deutsche Welle)

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