Ägyptens Islamisten kämpfen für Morsi

Foto: Matthias Sailer

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Auch die Islamisten demonstrieren seit Tagen in Kairo. Da ihr Präsident demokratisch gewählt wurde, lehnen sie strikt Neuwahlen ab. Die Gegendemonstranten sehen sie als korrupt und undemokratisch, sich selbst im Einklang mit dem Islam.

Es sind Hunderttausende, die an die Rabaa Al-Adawia Moschee in Nasser City, einem Stadtteil Kairos, gekommen sind. Wie schon in den Tagen zuvor demonstrieren  hier vor allem Anhänger der Muslimbrüder und zahlreicher salafistischer Gruppen für Präsident Mohammed Morsi. Gegen Abend suchen die Demonstranten einen Platz für das Gebet. Der Imam bittet über Lautsprecher Allah, dem Land, Präsident Morsi und den Menschen zu zeigen, was richtig und was falsch ist. Doch er lässt keinen Raum für Zweifel, wer im Recht ist. Kurz darauf ruft er schon „wir haben nicht gestohlen, sie stehlen. Wir sind friedlich, sie sind gewalttätig.“ Es ist eine klare Anspielung auf die Anti-Morsi Demonstranten. Diese Botschaft wird immer und immer wieder wiederholt und hat sich auch bei den Demonstranten eingebrannt, so zum Beispiel bei Mahmoud: „Die Menschen auf dem Tahrirplatz und dem Präsidentenpalast denken nur an ihre eigenen Interessen. Sie scheren sich nicht um das Land. Aber uns ist das Land wichtig. Die Demonstranten auf dem Tahrir sind alles Mitglieder des alten korrupten Regimes.“

„Legitimität ist eine rote Linie!“

Religion und Politik sind hier nicht zu trennen. Das macht auch eine große weiße Fahne mit einem Morsi-Portrait deutlich die auf einem Mobilfunkmasten etwa 20 Meter neben dem Minarett der Moschee gehisst wurde. Kurz darauf fährt ein religiöser Scheich auf der Rednerbühne in ähnlichem Tenor fort. Er frägt, warum sie hier demonstrieren und gibt sogleich die Antwort: es ginge um Gott und nicht um Macht. Die Fortsetzung von Morsis Präsidentschaft erhält dadurch den Charakter einer religiösen Pflicht. Er fügt hinzu: „Legitimität ist eine rote Linie!“, womit er Morsis Legitimität meint, die er durch demokratische Wahlen erlangt hat. Es ist diese Legitimität, die Morsi in seiner gestrigen (2.7.13) Rede unzählige Male erwähnt hat und auf die auch auf der Pro-Morsi Demonstration ständig verwiesen wird. Nasser Gamal ist Lehrer und erklärt, warum Morsi nicht gestürzt werden darf: „Das ist Legitimität basierend auf Wahlen. Das ist Demokratie. Und wenn er gestürzt wird, ist es das Ende der Demokratie in diesem Land. Sie wollten Wahlen, also haben wir gewählt. Und jetzt demonstrieren wir. Wenn das Militär gegen Morsi putscht, wird die Zukunft des Landes düster aussehen.“

Diese Legitimität durch Wahlen ist in den Augen der Demonstranten jedoch etwas Absolutes. Keiner habe das Recht, den Präsidenten zu stürzen –egal was dieser macht. Daher kann sie auch kein Argument überzeugen, Neuwahlen auszurufen. Überall sieht man Plakate und Banner mit Sätzen wie „wir kämpfen für die Legitimität“. Die Demonstranten fühlen sich hundertprozentig im Recht und sind nicht gewillt, größere Kompromisse einzugehen. Dass am 30. Juni Millionen den Rücktritt ihres Präsidenten forderten, ändert an diesem Denken überhaupt nichts. Für Ahmed Mahmud, der eine Baseballmütze mit dem Logo der Muslimbruderschaft trägt, ist die Sache völlig klar: „Wir haben keine Angst vor der Opposition, weil wir auf Allah vertrauen. Die Opposition ist uns gleichgültig. Die meisten der Anti-Mursi Demonstranten vom  30. Juni waren doch bezahlt, damit sie auf die Straße gehen. Hier bei uns hingegen kamen die Leute, um den Präsidenten und dessen Legitimität zu unterstützen.“

Das Ultimatum des Militärs sehen einige der Islamisten daher auch gar nicht als ernst gemeint. Für sie ist es nicht vorstellbar, dass Verteidigungsminister Abdel Fattah El-Sisi den Präsidenten zum Rücktritt zwingen könnte. Sie sehen es mehr als Druckmittel an, damit sich die Parteien einigen. Andere Islamisten sehen das Ultimatum jedoch als klaren Staatsstreich und machen deutlich was dann passieren wird, so der 32-jährige Ali: „Morsi wird nicht zurücktreten. Wir werden auf allen Plätzen Ägyptens verharren und Ägypten wird zum Stillstand kommen. Wenn Morsi zurücktritt, wird es in Ägypten keine Demokratie mehr geben. Dann werden wir ein Dritte-Welt –Land wie Somalia oder der Kongo.“

„Wir werden unsere Seele und unser Blut für den Islam opfern!“

Als wie so häufig ein Kampfhubschrauber über das Gelände fliegt, brechen die Demonstranten sofort in laute „Morsi, Morsi“-Rufe aus und zeigen dem Helikopter das Victory-Zeichen entgegen. Einige pfeifen, um ihrer negativen Meinung über das Ultimatum Ausdruck zu verleihen. Auf der Rednerbühne gab es kurz zuvor eine Durchsage, dass vier Millionen Menschen an der Moschee demonstrieren würden –eine absurde Übertreibung, die wohl dazu dienen soll, die etwas angeschlagene Kampfmoral zu heben. Die meisten Reden dienen diesem Zweck: niemand soll Zweifel haben, dass er im Recht ist. Ein weiterer Scheich brüllt ins Mikrofon: „Wir werden unsere Seele und unser Blut für den Islam opfern!“ Sie würden weiter protestieren und in den Strassen bleiben, fügt er hinzu und das sei alles ein Test Allahs, um zu sehen, wer gut und wer böse ist. Schließlich bittet er Gott, Ihnen Einigkeit zu geben und Zwietracht unter ihren Feinden zu sähen. Am Ausgang zeigt die Jugend der Muslimbruderschaft, dass sie kampfbereit ist: mit Knüppeln, Schilden, Helmen und Elektroschockern bewaffnet springen sie auf und ab und rufen „Gott ist groß!“

(Der Artikel erschien am 3.7.13 bei Deutsche Welle)

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