Millionen Morsi-Gegner legen Ägypten lahm

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Vor dem Praesidentenpalast am 30.6.13 Foto: Matthias Sailer

 

(Der Artikel erscheint bei Deutsche Welle am 1.7.13)

Millionen Ägypter zogen in Kairo und vielen anderen Städten gegen den Präsidenten auf die Straßen. In Cairo campieren viele Demonstranten nun vor dem Palast und auf dem Tahrirplatz. Während die Proteste dort friedlich blieben, kam es andernorts zu Toten und Verletzten.

Kairo ist im Ausnahmezustand: allein bis zum späten Abend strömten in der Hauptstadt Millionen Anti-Mursi-Demonstranten auf die Straßen. Es sind Arme und Reiche, Junge und Alte, Militäranhänger und liberale Revolutionäre, Männer und Frauen –verschleiert und unverschleiert. Sie rufen an den Präsidenten gerichtet „Irrhaal!“, was auf Arabisch „verschwinde!“ bedeutet. Viele heben symbolisch selbst angefertigte rote Karten in die Höhe. Es sind ägyptische Fahnen und die durchgestrichenen Portraits des Präsidenten, die das Bild dieser neuen Revolutionswelle prägen. Unter den Nicht-islamisten herrscht Einigkeit: vorbei sind die Zeiten, da jede Partei ihre eigenen Fahnen und Banner mitbrachte. Die Botschaft ist klar: Morsi müsse weg, sagt ein 16-jähriger Gymnasiast, der vor dem Präsidentenpalast demonstriert: „Ich bin heute hier, weil sich das Land völlig verändert hat. Mubarak war korrupt aber immer noch besser als Morsi. Wir realisieren jetzt, dass Morsi noch korrupter ist.“

Es herrscht einerseits Volksfeststimmung. Menschen lachen und scherzen miteinander. Bunte Vuvuzelas und Pfeifen verursachen ohrenbetäubenden Lärm und auf kleinen hölzernen Handkarren werden Maiskolben gegrillt oder Früchte angeboten. An einem der Eingangstore zum Palast  wird jedoch klar, dass hier nicht gefeiert wird: hunderte Jungendliche steigen dort auf schwere Metallcontainer, die eigentlich als Barrikaden vor der Palastmauer positioniert wurden. Sie stampfen mit ihren Füßen wild auf das rostige Eisen ein. Ein monotones Donnern verbreitet sich dadurch über das ganze Gelände. Wie in Trance schwenken sie dabei ägyptische Fahnen und brüllen im Chor „Verschwinde!“. Es ist die wilde Entschlossenheit, sich die Politik der Muslimbrüder nicht weiter gefallen zu lassen, die hier ihren Ausdruck findet. Millionen gingen auch schon zum Jahrestag der Revolution auf die Straße. Doch diese Demonstranten sind entschlossen, den Präsidenten zu stürzen. Amr Shawy ist einer von Ihnen: „Ich werde weiter demonstrieren und beharre darauf, dass er zurücktritt. Alle hier sind sich einige und wollen bleiben, damit er verschwindet. In meiner Familie sind sich alle einig darüber. Und wenn ich jetzt gehe, wird jemand anderes aus meiner Familie mich hier ersetzen.“

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Vor einem Eingangstor zum Praesidentenpalast. Die durchgestrichenen Koepfe sind Portraits der Muslimbrueder-Fuehrer Mohammed Morsi, Mohamed Badia und Khairat Al-Schater. Foto: Matthias Sailer

 

Doch darüber, wie die Demonstranten Morsi los werden sollen, gibt es verschiedene Ansichten.  Ali Saijid, ein 35-jaehriger Lehrer ist für friedliche Proteste. Sollte das nicht funktionieren, müsse man im ganzen Land zivilen Ungehorsam starten. Genau dazu hat die „Bewegung 6. April“, eine der einflussreichsten Jugendbewegungen der Revolution, am Abend (30.6.13) auch offiziell aufgerufen. Ali Saijid kalkuliert dabei offen mit dem Eingreifen des Militärs.  Seiner Meinung nach würde es die Armee nicht zulassen, dass das Land so dauerhaft zum Stillstand kommt. Am Ende würde sie die Macht von den Muslimbrüdern übernehmen. Und die Einstellung gegenüber der Armee ist bei vielen Demonstranten positiv. Immer wieder kann man den Slogan „Militär und Volk sind eine Hand“ vor dem Palast hören. Als nachts ein Militärhubschrauber über den Demonstranten kreist, zielen sie mit hunderten grünen Laserpointern auf die Unterseite des Helikopters und brechen in lauten Jubel aus, einige applaudieren. Doch insbesondere die Jugendlichen Aktivisten, die unter den Verbrechen des Militärregimes nach der Revolution gelitten haben, könnten sich damit kaum arrangieren. Einige Demonstranten schränken daher ein, so auch die etwa 40-jaehrige Salma: „Ich bin nicht gegen das Militär. Es sollte die Macht übernehmen aber nur vorübergehend während der Übergangsphase zu Präsidentschaftswahlen ohne Wahlbetrug, die. Die Armee ist notwendig, um das Land zu beschützen, aber nicht um das Land zu regieren.“

Zu gewaltsamen Zusammenstößen mit den Anhängern des Präsidenten kam es zumindest am Präsidentenpalast und auch auf dem Tahrirplatz bis gestern Nacht (30.6.13) nicht. Doch die dort bisher friedliche Stimmung könnte schnell umschlagen und auch unter den dortigen Demonstranten gibt es durchaus Gewaltbereite: unter großem Gejubel und lauten „Verschwinde“-Rufen entrollten einige von Ihnen vor dem Palast ein riesiges Plakat mit dem durchgestrichenen Gesicht des Präsidenten über eine Hausfassade. Daneben stand geschrieben: „Du hast dieses Land regiert, aber Du warst nicht gerecht, deshalb wirst Du umgebracht!“.  Auch Salma  schließt Gewalt nicht aus: „Es kann durchaus gewalttätig werden, aber die Gewalt wird von den Muslimbrüdern ausgehen. Wir hoffen, dass Gott uns und die Jugendlichen hier beschützen wird. Selbst wenn die Muslimbrüder Waffen haben sollten: wir sind mehr als sie.“

Doch der nächtliche (30.6.13) Angriff auf das zentrale Hauptquartier der Muslimbrüder in Kairo zeigt, dass Gewalt auch von anderen ausgeht: das Gebäude wurde in Brand gesteckt. Mindestens sechs Menschen starben durch scharfe Munition. EInige Journalisten berichteten, aus dem inneren des Gebaeudes sei geschossen worden.v Die Polizei griff nicht ein –nachdem sie immer wieder angekündigt hat, keine Einrichtungen der Muslimbrüder zu verteidigen. Auch in anderen Städten gab es Tote.

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