„Tahrir Lounge“ Kairo – Demokratie von unten

Foto: Hammuda Bdewi

Foto: Hammuda Bdewi

In einem von Deutschland finanzierten Projekt fördert ein Team junger Ägypter in Eigenregie aktive Bürgerbeteiligung. Die „Tahrir Lounge“ möchte politisches Bewusstsein schaffen ohne dabei inhaltlich Partei zu ergreifen.

(Eine gekuerzte Version des Artikels erschien am 18.3.13 auf Deutsche Welle und Qantara.de )

Es sind etwa 40 junge Ägypter, die sich an diesem Abend in Kairo eine lebhafte Debatte über das Thema Vetternwirtschaft liefern. Auslöser war ein zuvor gezeigter Film über die Wahrnehmung der ägyptischen Revolution 2011 in einem Dorf im Nildelta. Der Regisseur berichtet von einem Grundschullehrer, der plötzlich zum Leiter eines ganzen Regierungsbezirks ernannt wurde -angeblich weil er ein Verwandter des Gouverneurs sei. Ein Journalist, der neben der Moderatorin und einem Regierungsbeamten auf dem Podium sitzt, fragt noch einmal nach: „Wie kann es sein, dass dieser Grundschullehrer, der bisher nichts anderes gemacht hat, als an dieser Schule zu unterrichten, einen Regierungsbezirk leitet? Der Bezirk ist sehr groß! Wie kann das sein, nur weil er der Cousin des Gouverneurs ist?“

Die Diskussion findet in den Räumen des Goethe-Instituts Kairo statt. Doch die Organisatoren sind allesamt Ägypter und haben den Abend in Eigenregie und ohne Einfluss des Instituts organisiert. Es handelt sich um eine Veranstaltung der „Tahrir Lounge“. „Tahrir“ bedeutet auf Arabisch Befreiung. Die „Tahrir Lounge“ ist ein Projekt des Goethe Instituts, der deutschen Botschaft in Ägypten und des Auswärtigen Amtes. Das Projekt wurde kurz nach Beginn der Revolution von Mona Shahien, einer 27-jährigen Ägypterin, ins Leben gerufen. Mona war während der Revolution sehr aktiv und häufig auf der Suche nach ruhigen Räumen im lauten Stadtzentrum Kairos, in denen sie mit anderen Aktivisten diskutieren konnte. Schließlich bot man ihr an, dass sie die Galerie im Keller des Goethe-Instituts, das sehr nahe am Tahrirplatz liegt, nutzen könne. Über die Monate hinweg hat sich daraus die heutige „Tahrir Lounge“ entwickelt, sagt Mona: „Die Lounge ist ein Ort für Alle. Unser Hauptziel ist Bürgerbeteiligung, der mündige Bürger. Demokratie kann man nicht erreichen ohne Mitwirkung der Menschen und ohne dass diese ihre Rechte äußern. Demokratie gibt es nur, wenn die Wähler sich ihrer Wahl bewusst sind.“

Mona Shahien. Foto: Hammuda Bdewi

Mona Shahien. Foto: Hammuda Bdewi

Um dieses Ziel zu verwirklichen veranstaltet die Tahrir Lounge fast täglich  Veranstaltungen, die für alle Interessenten offen sind: so gibt es zum Beispiel Workshops zu den Themen Menschenrechte, Diskriminierung von Frauen aber auch über Verhandlungs- und Diskussionsführung oder Konfliktbewältigung. In Seminaren haben sich zudem bereits über 50 politische Parteien und Gruppierungen der verschiedensten politischen Richtungen dem meist jungen Publikum vorgestellt. Für Mona ist das sehr wichtig, da es zwar viele politikinteressierte Jugendliche gibt, doch viele von ihnen bei den Parteien keine Mitwirkungsmöglichkeiten finden. Oftmals finden Interessenten nicht einmal Ansprechpartner, an die sie sich bei Interesse wenden können. Um dieses Defizit vieler der meist jungen Parteien zu beseitigen, geht die Tahrir Lounge auch aktiv auf die Parteien zu und bietet kostenlose Workshops an: „Wir haben sie gebeten, zwei oder drei ihrer Leute zu nominieren, die an einem kurzen Ausbilderlehrgang teilnehmen sollten. Danach können sie damit jegliche Inhalte in ihren jeweiligen Parteien vermitteln. Wir bieten ihnen nur das Gerüst.“

Eingang zur Tahrir Lounge im Keller des Goethe-Instituts Kairo.  Foto: Matthias Sailer

Eingang zur Tahrir Lounge im Keller des Goethe-Instituts Kairo. Foto: Matthias Sailer

Doch derartige Veranstaltungen haben für Mona noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: die Vertreter der so eingeladenen Parteien lernen sich auch untereinander kennen und bleiben auch nach dem Lehrgang in Kontakt. Auch das sei eines der Ziele der Tahrir Lounge. So würden Kommunikationskanäle auch zwischen den verschiedenen Parteien geschaffen werden. Auf diese Weise tauschen Leute mit zum Teil völlig unterschiedlichen Ideologien Ideen aus und lernen, sich trotz anderer Ansichten gegenseitig zu respektieren. Damit direkt verbunden ist für Mona Shahien eines der Grundprinzipien der Tahrir Lounge: das Projekt soll nicht einer bestimmten politischen Ideologie dienen: „Inzwischen haben wir einen sehr guten Ruf, weil wir einer der Orte in Ägypten sind, der nicht nur einer bestimmten politischen Richtung zuzuordnen ist. Man kann nicht sagen, wir seien Liberale, wir seien Islamisten oder wir seien Säkulare. Wir sind ein Ort, an dem all diese Strömungen vertreten sind.“ Anstelle von Ideologien sieht Mona Shahien für die Tahrir Lounge die Forderungen der Revolution vom 25. Januar 2011 im Mittelpunkt: Brot, Freiheit, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit.

Doch die Tahrir Lounge hat trotz der umfangreichen deutschen Unterstützung auch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ausländischer Einfluss wird in Ägypten generell sehr kritisch gesehen. Der Verdacht der politischen Beeinflussung ist immer da. Die Durchsuchung der deutschen Konrad Adenauer Stiftung war der vorläufige Höhepunkt einer regelrechten Hetzkampagne gegen vom Ausland finanzierte Projekte. Für Mona Shahien ist die inhaltliche Unabhängigkeit des Projekts daher von allergrößter Bedeutung: “Wir haben von Anfang an klar gemacht und gesagt, “ja, wir werden von der deutschen Regierung finanziert, ja, wir gehören zum Goethe Institut, aber wenn es um Inhalte geht, sind wir völlig unabhängig.”

LeuchtLogo_TahrirLounge

Foto: Matthias Sailer

Für den Regierungsbeamten wird es auf dem Podium am Ende unangenehm. Er versucht sein Ministerium damit zu verteidigen, dass es inzwischen Mechanismen gäbe, die Vetternwirtschaft verhindern würden. Vor allem sei man doch im Grunde auf dem richtigen Weg und Gott habe auch sechs Tage gebraucht, um die Welt zu erschaffen. Viele im Publikum reagieren mit Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Einige lachen über die Antwort. Der 24-jährige Mohamed sieht die Diskussion am Ende als teilweisen Erfolg: „Das Problem bleibt zwar. Aber immerhin haben viele erkannt, dass die Regierung den Ernst der Lage nicht wahrnimmt. Vor einem Jahr hätte ich die Reaktion des Beamten noch akzeptiert. Doch inzwischen sehe ich, dass die Regierung inkompetent und tatenlos agiert.“

Mohamed ist häufig in der Tahrir Lounge und hat schon an mehreren Workshops teilgenommen. In den letzten Monaten habe er gelernt, dass Politik oft eine schmutzige Angelegenheit ist. Doch man müsse verstehen, wie sie funktioniert: ansonsten könne man nichts verändern.

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