Ägyptens Wirtschaft: eine tickende Zeitbombe

Wahid Mardenly

Wahid Mardenly

Ägyptens Unternehmer haben viele Probleme. Selbst Exportfirmen können oft kaum von der schwachen Währung profitieren. Der Verfall der Währung und hohe Subventionen bilden das Potential für einen Armenaufstand.

Wahid Mardenly ist seit vielen Jahren Unternehmer. In einem Kairoer Vorort betreibt er eine Textilfabrik, in der momentan 500 Arbeiter für bekannte Modefirmen wie C&A, Zara oder Marks & Spencer nähen. Eigentlich ist die Fabrik für 3000 Arbeiter ausgelegt. Doch die Geschäfte sind im Moment schwierig. Erst vor Kurzem hat er einen Auftrag an einen ausländischen Konkurrenten verloren: „Das Problem ist, unsere Partner haben Angst, uns Bestellungen zu geben. Unsere Geschäfte machen wir mit großen Firmen im Ausland. Und die haben kein Vertrauen mehr in das Land. Denn die investieren auch, indem sie uns das Material, den Stoff, schicken.“

Mardenlys Arbeiter bekommen Stoffe, Knöpfe und anderes Material von den Auftraggebern zollfrei in die Freihandelszone geliefert. Dort nähen sie die einzelnen Stücke zusammen und schicken die fertigen Produkte nach Europa und die USA. Doch seine Arbeiter seien seit der Revolution politisiert und würden mehr Geld verlangen. Besonders macht ihm zudem die problematische Sicherheitssituation zu schaffen. Seiner Arbeiter, meist junge Frauen, werden mit dem Bus zur Arbeit gebracht. Doch deren Eltern sorgen sich: „Die lassen sie nicht gehen. Sie haben Angst, dass der Bus überfallen werden könnte. Zwei bis dreimal wurde unser Bus überfallen. Kriminelle haben den Bus gestoppt und Geld gefordert“

Sicherheitssituation und Stromausfälle behindern die Produktion

Unter Mubarak war der brutale Sicherheitsapparat stets präsent. Doch nach dessen Sturz war die Polizei von den Straßen verschwunden. Ehemalige Regimemitglieder versuchten so, Chaos auf den Straßen zu erzeugen. Viele hohe Polizeioffiziere machen auch keinen Hehl daraus, dass sie die nun herrschenden Muslimbrüder nicht unterstützen wollen. Aber es sind nicht nur Sicherheitsbedenken, weshalb viele Eltern ihre Töchter nicht zur Arbeit gehen lassen, meint Mardenly: „Die Islamisten gehen manchmal zu den Eltern der Mädchen und sagen ihnen, dass sie nicht zur Arbeit gehen sollen, weil das gegen die Religion sei. Eine Frau solle zu Hause bleiben, soll Mutter sein.“

Noch gravierendere Probleme verursachten die zahlreichen Stromausfälle.  An vielen Tagen gab es bis zu vier Stunden lang keinen Strom. An Produktion war somit nicht zu denken. All diese Faktoren haben dazu geführt, dass Mardenly seine Liefertermine nicht einhalten konnte. Einige betroffene Auftraggeber beschlossen daraufhin, in Zukunft in Bangladesch oder Marokko nähen zu lassen.

Preissteigerungen durch schwache Währung gefährden Stabilität des Landes

Doch die Folgen sind nicht nur der Verlust von Arbeitsplätzen. Auch wertvolle Deviseneinnahmen fallen nun weg. Mardenlys Kunden bezahlen nämlich in US-Dollar und Euro. Und die bräuchte die ägyptische Zentralbank gerade jetzt äußerst dringend. Ägypten benötigt jeden Monat enorme Mengen an Devisen, um seine Lebensmittel- und Treibstoffimporte und auch die Zinsen für Auslandsschulden bezahlen zu können. Die Angst, dass Ägypten diese Belastungen nicht mehr schultern könnte, hat dazu geführt, dass das Ägyptische Pfund gegenüber dem US-Dollar stark an Wert verloren hat. Importe sind dadurch teurer geworden. Das belastet nicht nur ägyptische Produktionsfirmen, sondern führt auch dazu, dass in Ägypten die Preise steigen, erläutert Mardenly: „Das Risiko entsteht, wenn in ägyptischen Pfund kalkuliert wird. Die Ware wird dann jeden Tag teurer, weil ägyptische Textilfabriken etwa 80% der Rohprodukte importieren. Und die müssen in Dollar bezahlt werden.“

Diese Preissteigerungen sind eine tickende Zeitbombe. Denn etwa 40% der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze von 2 US-Dollar am Tag. Diese Menschen können Preiserhöhungen kaum verkraften. Bisher sind sie durch gewaltige Subventionen vor allem auf Brot und Gas von den Preissteigerungen geschützt. Doch der Staat muss diese subventionierten Güter zum normalen Preis in Dollar oder Euro aus dem Ausland einkaufen. Der Wertverlust der ägyptischen Währung hat nun dazu geführt, dass die dazu nötigen Devisenreserven auf ein gefährlich niedriges Niveau gesunken sind. Eine Verringerung dieser Subventionen und damit Preiserhöhungen scheinen daher unausweichlich. Um Aufstände zu vermeiden, plant die Regierung zwar, eine Art Couponsystem für die Ärmsten einzuführen. Doch es gibt auch genügend „Reichere“, die von solchen Preiserhöhungen schwer getroffen werden würden. Die Mitte 60-jaehrige Naima ist eine von Ihnen. Als Putzfrau verdient sie etwa neun Euro pro Arbeitstag: „Ich bin die einzige, die im Haushalt Geld verdient. Ich putze an drei bis vier Tagen pro Woche. Dazu kommen noch knapp 25 Euro Witwenrente vom Staat.“ Damit verdient Naima im Idealfall etwa 170 Euro. Davon muss sie sich, zwei arbeitslose Söhne und eine Tochter ernähren, die ebenfalls bei ihr wohnen. Damit gilt Naima jedoch noch nicht als arm.  Preiserhöhungen würden sie hart treffen.

Die derzeitige ägyptische Wirtschafts- und Wahrungskrise birgt damit enorme Sprengkraft: sollte keine sozialverträgliche Lösung gefunden werden, sind Unruhen wie 1977 vorprogrammiert: damals wurde der Präsident von der Straße gezwungen, die Subventionskürzungen zurückzunehmen.

(24.1.13)

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