Straßengewalt aus Armut und Rechtlosigkeit

Mohamed         Foto: Matthias Sailer

Mohamed Foto: Matthias Sailer

 

 

 

Seit fast einer Woche toben in ägyptischen Städten Straßenkämpfe zwischen Polizei und Demonstranten. Die zunehmend gewaltbereiten Jugendlichen sind meist arm und fühlen sich vom Staat alleine gelassen und unterdrückt.

Mohamed ist 15. Er trägt Schutzbrille und Gazemaske gegen Gummigeschosse und das Tränengas, dessen weisen Nebel man in etwa 20 Meter Entfernung aufsteigen sieht. Er steht am Eingang zu einer am Nil entlang führenden Straße in Kairo. Hunderte gewaltbereite Demonstranten liefern sich hier eine Straßenschlacht mit der paramilitärischen Polizei. Mohamed ist einer von ihnen. Die Mehrheit ist jung, einige sind sogar noch deutlich jünger als Mohamed. Sie bewerfen die in schwarz gekleideten Polizisten mit Steinen. Als Antwort bekommen sie Tränengasgranaten und Gummigeschosse. Andernorts auch scharfe Munition. Für Mohamed ist eines klar: „Friedlich funktioniert das nicht. Die Polizei würde uns schlicht angreifen, wenn wir uns nicht wehren würden –deshalb ist Gewalt im Spiel. Ich bin hier seit einer Woche. Zuvor war ich auch schon bei den Schlachten am Präsidentenpalast und bei Ausbruch der Revolution auf dem Tahrirplatz.“

Mohameds rote Hose ist verdreckt und abgetragen. Er kommt aus einem der armen Stadtteile Kairos, wo er mit seinem Bruder lebt. Seine Eltern sind beide tot. Doch die meiste Zeit verbringe er ohnehin hier, sagt er auf den nahen Tahrirplatz zeigend. Hosni Mubarak und Präsident Muhammad Morsi hätten das Land völlig kaputt gemacht: „Ich komme aus einer armen Familie. Sie haben nichts. Deswegen sind wir hergekommen und müssen für unsere Rechte kämpfen, auch weil ich ein Mensch bin und kein Tier. Ich hoffe, dass wir Weiterlesen

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Politische Lösung der Unruhen nicht in Sicht

Die Situation in Ägypten bleibt weiter sehr angespannt. In einer Fernsehansprache verkündete Präsident Mohammed Morsi in den Städten Ismailia, Suez und Port Said das Notstandsrecht. Seit Freitag sind mindestens 50 Menschen in Straßenschlachten getötet worden.

Morsi versucht offensichtlich, die in vielen ägyptischen Städten ausgebrochenen Unruhen mit zunehmend harter Hand zu bekämpfen: „Ich habe das Innenministerium beauftragt, mit jedem, der das Volk oder öffentliche und private Einrichtungen bedroht, hart umzugehen“, sagte er im Staatsfernsehen. Zusätzlich zum Notstandsrecht hat der Präsident in den genannten Städten eine Ausgangssperre zwischen 6:00 und 21:00 verkündet. Doch es bleibt fraglich, ob Polizei und Militär die Lage unter Kontrolle bekommen werden. Die Demonstranten scheinen nicht klein beigeben zu wollen: in Suez kündigten viele von ihnen ausgerechnet in der Zeit der Ausgangssperre neue Demonstrationen an. Am Montag haben Kabinett und Übergangsparlament zudem einen Gesetzesentwurf gebilligt, der dem Militär Polizeibefugnisse Weiterlesen

Update: Lage in Aegypten

Inzwischen ist die Situation in Port Said trotz Eingreifen des Militärs außer Kontrolle geraten. Tausende nahmen dort am Sonntag an einem Beerdigungsmarsch der Opfer des Vortags teil und riefen gegen die Muslimbrüder und den Präsidenten. Laut einem Reporter der britischen Zeitung „The Independent“, der vor Ort war, sei aus einem Klub der Armee ohne vorherige Provokation Tränengas gefeuert worden. In den folgenden Auseinandersetzungen brach in einem angrenzenden Klub der Polizei Feuer aus. Laut dem Independent-Reporter hätten einige Zivilisten später mit automatischen und selbstgebauten Waffen aus dem Demonstrationszug heraus in Richtung des Polizeiklubs geschossen. Die Situation in Port Said bleibt weiter stark angespannt und unübersichtlich.

Das Militär hat inzwischen um Erlaubnis gebeten, Zivilisten festnehmen zu dürfen und über das Staatsfernsehen rief es die Bewohner von Port Said und Suez auf,  Weiterlesen

Über 40 Tote bei Unruhen in Ägypten

Ultras Ahlawy feiern vor ihrem Stadion die Todesurteile gegen 21 Fusballfans aus Port Said. Ueber dem EIngang sind die Fotos der 72 getoeteten Fans abgebildet.   Foto: Matthias Sailer

Ultras Ahlawy feiern vor ihrem Stadion die Todesurteile gegen 21 Fusballfans aus Port Said. Ueber dem EIngang sind die Fotos der 72 im Februar 2012 getoeteten Fans abgebildet. Foto: Matthias Sailer

In Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften kamen in Ägypten über 40 Menschen ums Leben. Die Opposition droht mit Boykott der Parlamentswahlen falls ihre Vorderungen nicht erfüllt werden.

Bereits am Freitag (25.1.13) waren in Suez bei Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 30 Tote gab es am Samstag (26.1.13) in der Hafenstadt Port Said und auch in Kairo erlag ein angeschossener Demonstrant seinen Verletzungen.

Fast alle Demonstranten, die zum zweiten Jahrestag der Revolution auf die Strasse gingen, protestierten gegen die Herrschaft der Muslimbrüder und ihren Präsidenten Mohammed Morsi. Kairos Tahrirplatz ist voll von Anti-Morsi Transparenten. Saad Salem, ein etwa 50-jaehriger Demonstrant lässt keinen Zweifel warum er demonstriert: „Die Muslimbrüder haben das Volk von Anfang an betrogen und jetzt haben sie sich genommen, was sie wollten. Sie wollten das Land beherrschen und haben die Revolution gestohlen. Sie haben die Jugend, die die Revolution begonnen hat, hintergangen.“

Keinerlei Vertrauen mehr in die Muslimbrüder

Auf die Muslimbrüder angesprochen zitieren viele deren immer wieder gebrochene Versprechen: so hatten die Brüder Weiterlesen

Ägyptens Wirtschaft: eine tickende Zeitbombe

Wahid Mardenly

Wahid Mardenly

Ägyptens Unternehmer haben viele Probleme. Selbst Exportfirmen können oft kaum von der schwachen Währung profitieren. Der Verfall der Währung und hohe Subventionen bilden das Potential für einen Armenaufstand.

Wahid Mardenly ist seit vielen Jahren Unternehmer. In einem Kairoer Vorort betreibt er eine Textilfabrik, in der momentan 500 Arbeiter für bekannte Modefirmen wie C&A, Zara oder Marks & Spencer nähen. Eigentlich ist die Fabrik für 3000 Arbeiter ausgelegt. Doch die Geschäfte sind im Moment schwierig. Erst vor Kurzem hat er einen Auftrag an einen ausländischen Konkurrenten verloren: „Das Problem ist, unsere Partner haben Angst, uns Bestellungen zu geben. Unsere Geschäfte machen wir mit großen Firmen im Ausland. Und die haben kein Vertrauen mehr in das Land. Denn die investieren auch, indem sie uns das Material, den Stoff, schicken.“

Mardenlys Arbeiter bekommen Stoffe, Knöpfe und anderes Material von den Auftraggebern zollfrei in die Freihandelszone geliefert. Dort nähen sie die einzelnen Stücke zusammen und schicken die fertigen Produkte nach Europa und die USA. Doch seine Arbeiter seien seit der Revolution politisiert und würden mehr Geld verlangen. Besonders macht ihm zudem die problematische Sicherheitssituation zu schaffen. Seiner Arbeiter, meist junge Frauen, werden mit dem Bus zur Arbeit gebracht. Doch deren Eltern sorgen sich: „Die lassen sie nicht gehen. Sie haben Angst, dass der Bus überfallen Weiterlesen

2. Jahrestag der Revolution: Ägypten leidet noch immer

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Ibrahim Kenderian in der Mohamed Mahmoud Strasse Foto: Matthias Sailer

Der Tahrirplatz ist gesperrt: Stacheldraht und Sandsäcke an den Zufahrtsstraßen sollen Angriffe verhindern und auf der einstigen Grünfläche stehen wieder weiße Zelte von Demonstranten. Kurz vor dem zweiten Jahrestag der Revolution ist der Platz noch immer das Zentrum von Protesten gegen die Staatsführung -dieses Mal gegen die Muslimbrüder.

Ibrahim Kenderian ist 26. Den „Tag des Zorns“, wie der 25. Januar auch genannt wurde, hatte er noch in Alexandria erlebt. Von da an breiteten sich die Demonstrationen auf das ganze Land aus. Ibrahim war inzwischen nach Kairo gekommen. Am 28. Januar zog er in einem immer grösser werdenden Protestmarsch in Richtung Tahrirplatz. Auf dem Weg dorthin explodierte die Gewalt schließlich in einer der blutigsten Straßenschlachten der Revolution: „Die Polizei setzte alles ein, was sie hatte: Gummigeschosse, Tränengas, Schrotmunition und irgendwann rasten sie sogar mit ihren Truppentransportern in die Menschenmenge, um die Demonstranten zu überfahren.“ Eines der Polizeifahrzeuge überfuhr zwei junge Menschen vor seinen Augen. Doch die Demonstranten sahen, dass ihre Zahl gewaltig war und gaben nicht auf, bis sie den Tahrirplatz erreicht hatten. Viele von ihnen bezahlten ihren Mut an diesem historischen Tag mit ihrem Leben.

Gewalt durchzieht die vergangenen zwei Jahre wie ein roter Faden

Doch der Sturz Mubaraks beendete die Gewalt der Staatsführung gegen die für Freiheit und soziale Gerechtigkeit kämpfenden Ägypter nicht. Gewalt durchzieht die vergangenen zwei Jahre wie ein roter Faden –bis heute. Auch Ibrahim musste diese bittere Erfahrung machen: vor gut einem Jahr wurde er während Weiterlesen