Wütende Proteste an der US-Botschaft in Kairo

Aufgebrachte Demosntranten marschieren vom Tahrirplatz in Richtung US-Botschaft. Auf dem Boden sind noch die Steine aus der Straßenschlacht vom Vortag sichtbar. Foto: Matthias Sailer

Nur kleinere Menschenansammlungen füllen Kairos Tahrirplatz. Dort wo oftmals Hunderttausende gegen Mubarak demonstriert hatten, sind es heute nur etwa 2000. Doch die Ruhe täuscht. Im Hintergrund hört man ein- zweimal das Donnern von Tränengasgeschossen. Es kommt aus der Straße, die in Richtung US-Botschaft führt. Etwas davon entfernt haben sich einige hundert versammelt und hören den Worten eines Predigers.

Es sind überwiegend Salafisten, die einer wörtlichen Lesart des Korans folgen. Man könnte die Ansammlung für ein normales Freitagsgebet halten, wären da nicht die vielen anklagenden Transparente und Plakate. Auf einem steht geschrieben „Prophet, wir opfern unser Blut für Dich! Überall wehen grüne und schwarze Fahnen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, ähnlich denen  von Al-Kaida. Die Anwesenden sind verärgert wegen des in den USA produzierten Films, der ihren Propheten als Kinder schändenden und blutrünstigen Verbrecher darstellt. „Hör hin Obama, wir alle sind  Osama!“ brüllen sie aus voller Brust, um zu zeigen, dass Sie für ihren Propheten sogar bereit sind zu sterben. Der 30-jährige Tamer Salah macht seine Forderungen an den ägyptischen Präsidenten Mursi klar: „Zuerst muß die US-Botschaft geschlossen und der Botschafter ausgewiesen werden. Anschließend wollen wir eine offizielle Entschuldigung des US-Außenministeriums. Drittens, der Produzent des Films ist ein Ägypter und ein Schwein. Er muß gemäß dem Auslieferungsabkommen mit den USA nach Ägypten  gebracht werden, wo er einen gerechten und fairen Prozeß haben soll.“

Menschen zu töten, lehne ich ab“

Plötzlich bricht Unruhe aus und der Prediger fordert diejenigen auf, die nur hier sind, um Fotos zu machen, jetzt nach Hause zu gehen. Der Rest soll zur Omar Makram Mosche gehen, die am Eingang zu der Straße liegt, die zur US-Botschaft führt. Schnell setzt sich der Pulk in Bewegung. An der Mosche wischen sich einige die Augen. Tränengaspartikel der nächtlichen Straßenschlachten zwischen Bereitschaftspolizei und Demonstranten sind noch überall. Alle paar Meter brennen Feuer und der Boden ist übersät mit Steinen, die noch wenige Stunden zuvor als Wurfgeschosse benutzt wurden. Etwa hundert Meter vor der Frontlinie steht ein in Rauchschwaden eingehülltes ausgebranntes Auto. Ein Demonstrant ist auf den Metallrahmen gestiegen und ruft mit winkenden Armen, dass diejenigen, die den Propheten lieben, nicht zur Botschaft ziehen sollen. Auch andere sind gegen die Gewalt, schimpfen aber darüber, dass derartige religiöse Beleidigungen im Westen straffrei bleiben, weil es rechtlich erlaubt ist. Zu ihnen gehört der 35-jährige Radi Hafez: „In den USA gibt es nicht einmal ein Gesetz dagegen. Es sollte ein Gesetz geben, um solchen Leuten den Prozess zu machen. Aggressive Gewalt, Sachbeschädigung oder Menschen zu töten, lehne ich ab.“

Foto: Matthias Sailer

Wenn die USA nicht reagieren, wird die Reaktion noch schlimmer sein“

Doch er ist damit zumindest unter den Demonstranten in der Minderheit. Nahe der Botschaft hat die Armee eine Betonmauer errichtet, um sie von der Botschaft fernzuhalten. Ein Hagel aus Steinen bewegt sich in beide Richtungen und immer wieder sieht man vor allem ärmere und nicht-islamistische Jugendliche mit Platzwunden oder Atembeschwerden. Auch der 42-jährige Sayid hat Verständnis für die gewalttätigen Reaktionen: „Mursi sollte die Filmschauspieler und den Produzenten verklagen. Jeder Handlung folgt eine Reaktion. Und wenn die USA nicht entsprechend reagieren, wird die Reaktion noch schlimmer sein als jetzt. Man kann uns keinen Vorwurf machen, nur weil wir versuchen, die Würde des Propheten wiederherzustellen.“

Präsident Mursi in der Zwickmühle

Es ist ein steiler Weg für Präsident Mursi: auch wenn er die USA nicht vor den Kopf stoßen möchte, muß er als konservativer ehemaliger Muslimbruder die schwer verletzten religiösen Gefühle seiner Wähler berücksichtigen. Auch muß er aufpassen, nicht rechts von den salafistischen oder gar einigen Al-Kaida verherrlichenden Gruppierungen überholt zu werden. Er muss auf jeden Fall verhindern, dass man ihn als nicht genügend religiös oder gar als US-Sympathisanten wahrnimmt. Denn selbst unter den moderateren Muslimen wirken religiöse Beleidigungen wie durch besagten Film verheerend. Radi Hafez gehört zu dieser Gruppe: „So etwas sollte weder meinem noch einem anderen Propheten angetan werden. Ich höre, dass das Video schon auf Youtube ist. Wir demonstrieren nicht nur für den Propheten Mohamed. Wenn es um Jesus oder Moses selbst gehen würde, würden wir auch gegen solche Filme demonstrieren.“

Streit im islamistischen Lager

Am schwersten wird es für Mursi jedoch, die Radikalen von ihrer Anstachelei abzuhalten. Mitten auf dem Tahrirplatz tragen einige von ihnen ein überdimensionales Poster von Osama Bin Laden auf dem drohend steht: „Allah, sei gut zu Osama Bin Laden und erwarte eine schmerzhafte Reaktion von uns!“ Als sie dem Präsidenten vorwerfen, trotz der Beleidigung des Propheten nicht seine Auslandsreise abgebrochen zu haben, bricht ein Disput mit umstehenden Mursi-Anhängern aus.

Einige der Demonstranten machten aus ihrer Sympathie für Al-Kaida oder Osama Bin Laden keinen Hehl. DIe meisten von ihnen glauben ohnehin, dass Bin Laden nicht für das Attentat auf das World Trade Center verantwortlich ist. Foto: Matthias Sailer

Auch wenn die große Mehrheit der Ägypter den Demonstrationen bisher fernblieb -eines hat das Video erreicht: das islamistische Lager ist tief zerstritten.

(Der Artikel erschien am 15.9.12 als Online- und Radioversion bei Deutsche Welle)

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