Präsidentschaftswahlen in Ägypten: Ergebnis offen

Nach nur drei Wochen ist der offizielle Wahlkampf für die ägyptischen Präsidentschaftswahlen zu Ende gegangen. Kandidaten die es sich leisten konnten, fuhren in offenen Doppeldeckerbussen durch das Land, verbreiteten ihre Botschaft auf großen Rednerbühnen und schalteten Wahlwerbespots im Fernsehen. Andere schickten mit riesigen Lautsprechern bestückte Kleinbusse durch die Straßen, um mit deren ohrenbetäubenden Werbedurchsagen auch den letzten versteckten Winkel der anliegenden Wohnungen zu erreichen. Die Wände Kairos sind zugekleistert mit bunten Wahlplakaten und riesige Werbebanner überspannen die meisten großen Straßen. Wen werden die etwa 50 Millionen wahlberechtigten Ägypter wählen? Um einen aktuellen Einblick in die politische Gedankenwelt der Ägypter zu bekommen, habe ich Wähler der fünf chancenreichsten Kandidaten interviewt.

Auf dem Tahrirplatz, dem Ort, wo im Januar letzten Jahres durch Großdemonstrationen das Ende Mubaraks herbeigeführt wurde und damit nach drei Jahrzehnten Diktatur die Grundlage für diese ersten ernstzunehmenden Präsidentschaftswahlen geschaffen wurde, treffe ich den 43-jährigen Baha. Er sagt etwas, wofür er hier vor gut einem Jahr wohl verprügelt worden wäre: „Ich werde Ahmed Schafik wählen.“ Ahmed Schafik war Mubaraks Luftfahrtminister und schließlich dessen letzter Premierminister. „Er ist ein starker Führer, hat in Kriegen gekämpft und hat viel Erfahrung. Er weiß, in welch schlimmen Zustand sich unser Land befindet und wie man es regieren muss.“ Dass Schafik Teil der Ursache für die Probleme Ägyptens ist, kommt Baha nicht in den Sinn.

Wie polarisiert das Land am heutigen Wahltag ist, zeigt mir wenige Meter weiter Mustafa, ein 29-jähriger junger Mann, der zwar einen Universitätsabschluss in Medienwissenschaften hat, aber trotzdem seit 2004 keinen angemessenen Job gefunden hat. Auf einem wackeligen Holztisch verkauft er jetzt T-Shirts. „Ich habe vier Brüder und drei Schwestern, alle sind arbeitslos. Meine Stimme werde ich Mohamed Morsi (dem extrem konservativen Kandidaten der Muslimbruderschaft) geben. Die schaffen es jedes Mal, die Plätze mit ihren Anhängern zu füllen. Schafik und Amr Moussa (Mubaraks langjähriger Außenminister) sind Mitglieder des alten Regimes, die werde ich garantiert nicht wählen! Die Muslimbrüder haben zwar inzwischen das Parlament, aber ohne Regierungsbeteiligung, können sie nun mal nichts verändern. In der Türkei werden Präsident, Regierung und Parlamentsmehrheit von der selben Partei gestellt -das brauchen wir auch, dann wird vieles besser.“

Von der Seite unterbricht ihn eine Frau mit schwarzem Schleier: „Die Muslimbrüder denken doch nur an sich selbst! Erst sagen Sie, sie stellen keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten auf und dann machen sie es doch! Ich werde Hamdin Sabahi wählen, der steht zu seinem Wort und hat an der Revolution teilgenommen. Der nächste Präsident muss vor allem die Armut bekämpfen. Die sollten alle mal ein Armenviertel besuchen, dann würden sie unsere Probleme sehen. Das Geld reicht hinten und vorne nicht! Alles wird teurer, Fleisch, Öl, Tomaten, alles!“ Sabahi ist ein linker revolutionärer Kandidat, der erst in den letzten Wochen an Popularität gewonnen hat. Als ich sie nach ihrer Meinung zu Schafik und Moussa frage, zieht sie wortlos ein kleines Plakat aus Ihrer Tasche hervor, auf dem deren Fotos die Gleichung „Schafik plus Moussa gleich Mubarak“ bilden.

Einige Straßen weiter erzählt mir der 55-jährige Haga Said, Eigentümer eines Saftladens, wem er seine Stimme geben wird: „Abul Fotuh. Ich lerne hier viele junge Leute kennen, die meisten werden für ihn stimmen. Also werde ich es ihnen gleich tun. Er hat einen guten Charakter und saß für seine Ansichten im Gefängnis. Den Muslimbrüdern traue ich nicht mehr.“ Abdel Moneim Abul Fotuh ist ein ehemals führendes Mitglied der Muslimbruderschaft. Indem er sich entschloß, für das Präsidentenamt zu kandidieren, stellte sich der moderat-islamische Abul Fotuh jedoch gegen die ursprüngliche Parteilinie und wurde deshalb im letzten Jahr aus der von konservativen Funktionären dominierten Bruderschaft ausgeschlossen. Aus diesem Grund ist er heute auch bei eher liberalen und säkulareren Wählern sehr beliebt. Diese Attraktivität in den verschiedensten Wählerschichten hat ihn auch für viele Islamisten, selbst zahlreiche Salafisten, unterstützenswert gemacht.

Schließlich besuche ich noch den 25-jährigen Karim im drei U-Bahnstationen entfernten Bezirk Dokki. Er lebt von den Mieteinnahmen eines großen Wohnblocks, den er von seinem Vater geerbt hat: „Eigentlich würde ich für Schafik stimmen, aber ich befürchte, dass es eine zweite Revolution gibt, wenn er Präsident werden würde. Deshalb wähle ich Amr Moussa.“ Karim macht keinen Hehl daraus, was er von der Revolution hält: „dieses Chaos kann doch nicht ewig so weitergehen, es muss ein Ende haben. Mubaraks Herrschaft war für mich in Ordnung.“ Damit steht er exemplarisch für die reiche Minderheit, die von Mubaraks Herrschaft finanziell profitiert hat.

Während man in den Parlamentswahlen zumindest noch einen Sieg der Muslimbrüder vorhersagen konnte, ist bei diesen Wahlen völlig offen, welche beiden Kandidaten es in die Stichwahl schaffen werden. Den Umfragen kann man nur wenig trauen und ein großer Teil der Wähler ist nach wie vor unentschlossen. Es werden spannende Wahlen.

(Artikel erscheint in ähnlicher Form im Luxemburger Wort v. 23.5.12)

 

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