Ex-Mubarak-Minister gegen Ex-Muslimbruder: Ägyptens erstes Fernsehduell zweier Präsidentschaftskandidaten

Handshake zu Beginn des Fernsehduells. Foto: via @Sultanalqassemi

Es war ein historisches Ereignis: nach Jahrzehnten an Diktatur stellten sich die beiden in den Umfragen führenden Präsidentschaftskandidaten am Donnerstagabend live im Fernsehen den kritischen Fragen der Moderatoren. Amr Mussa, zehn Jahre lang Außenminister unter Mubarak und anschließend zehn Jahre lang Vorsitzender der Arabischen Liga, musste sich vor allem für eben diese Vergangenheit rechtfertigen. Abdel Moneim Abul Fotuh, ein ehemals hoher Funktionär der Muslimbruderschaft, musste besonders seine Position zur Rolle des Islam im zukünftigen Ägypten klarstellen und sich ebenfalls für seine Vergangenheit rechtfertigen: in den 1970er Jahren vertrat er extreme religiöse Positionen, die nach Ansicht Mussas im Widerspruch zu seinem heute moderat-islamischen Image stehen.

Schon früh schnitt Abul Fotuh das Thema islamisches Recht, also die Scharia, an. Bisher galt der pensionierte Arzt als moderat-religiös und seine Position zur Art der Umsetzung der Scharia war nicht völlig klar. Je nach Interpretation kann die Scharia wörtlich verstanden werden, was dazu führt, dass die vielzitierten körperlichen Strafen, z.B. das Amputieren von Händen bei Diebstahl, eben tatsächlich eingeführt werden oder aber nur die sich dahinter verbergenden Grundprinzipien als Richtschnur für Bestrafungen übernommen werden. Amr Moussa spricht sich klar für letzteren Weg aus. Als dieser Abul Fotuh fragte: „Sie wollen also alle Schariaregeln umsetzen und nicht nur die Prinzipien?“ antwortete Abul Fotuh: „Natürlich“. Damit dürfte er einige liberale Anhänger vor den Kopf gestoßen haben, die sich bereits über die Unterstützung seiner Kandidatur durch die extremen Salafisten überrascht gezeigt hatten.

Schon eher haben den Liberalen wohl Abul Fotuhs Ausführungen zum Recht auf Glaubensfreiheit zugesagt: entgegen der unter Islamisten vorherrschenden Meinung gestand Abul Fotuh indirekt selbst Muslimen zu, ihren Glauben zu wechseln, also z.B. zum Christentum überzutreten.

Immer wieder versuchte Mussa Abul Fotuh als extremen Islamisten darzustellen. Mit dieser Strategie versuchte er, vom aktuellen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Islamisten zu profitieren. Selbst mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, in denen Abul Fotuh angeblich Gewalt rechtfertigte, versuchte er, zumindest Skepsis gegen den Kandidaten zu erzeugen. Gleiches gilt für die Frage, ob er als Präsident nicht dem obersten Führer der Muslimbruderschaft zur Rechenschaft verpflichtet sei –obwohl Abul Fotuh die Organisation seit über einem Jahr verlassen hat.

Abul Fotuhs seinerseits griff Mussa mit dessen Vergangenheit an: „die Mitglieder des alten Regimes schwiegen zu dessen Verbrechen: Korruption und Mord.“. An anderer Stelle sagte er: „2010 unterstützte Amr Mussa Hosni Mubarak. Wollte er, dass Ägypten unter diesem Regime weiter den Bach runter geht?“. Doch Moussa  verstand es als langjähriger Karrierediplomat meist gut, diese Angriffe abzuwehren, indem er sich als Oppositioneller innerhalb des Systems porträtierte, der nach zehn Jahren als Außenminister von Mubarak zur Arabischen Liga abgeschoben worden sei. Mehrmals betonte er zudem, wie wichtig politische Erfahrung in solch unsicheren Zeiten für den kommenden Präsidenten sei.

Neben Kritik an Moussas Zeit als Außenminister attackierte Abul Fotuh auch Moussas Arbeit als Vorsitzender der Arabischen Liga wegen deren Untätgkeit während des Gaza-Krieges: „Israel ist ein Feind, der sich auf Besatzung und 200 Atomsprengköpfe stützt und internationale Beschlüsse ignoriert“.  Mussa scheute sich davor, Israel als Feind zu bezeichnen, was ihm sicherlich Zustimmung auf der Straße gekostet haben dürfte.

Eine ähnliche Position nahmen beide jedoch in Bezug auf die zukünftige Rolle des Militärs ein: beide scheuten davor zurück, diese institution frontal anzugreifen. Keiner erwähnte die tausenden jegliche rechtsstaatlichen Prinzipien ermangelnden Militärtribunale an und beide schreckten davor zurück, den herrschenden Militärrat für die viele Gewalt verantwortlich zu machen. Das mag einerseits mit Vorsicht vor dem langen Arm der Generäle zusammenhängen. Vor allem aber ist es die nach wie vor hohe Popularität der Armee in der Bevölkerung.

Einen klaren Sieger gab es bei der Debatte also nicht. Wer von ihr am meisten profitiert hat, werden die nächsten Umfragen zeigen.

(Artikel erscheint in ähnlicher Form im Luxemburger Wort v. 12.5.12)

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