Von der Sehnsucht nach der starken Hand

Mamdouh Ramzy; Foto: M. Sailer

Ägyptens Präsidentschaftskandidaten spiegeln die innere Zerrissenheit der dort lebenden Menschen wider: das Land will Freiheit und Würde, aber auch Sicherheit und Stabilität. Der koptische Christ Mamdouh Ramzy klagt den Militärrat an, will aber trotzdem als obrigkeitshöriger Kandidat einer Regimepartei seine Vorstellungen von Demokratie verwirklichen.

Man würde nicht erwarten, an so einem Ort einen Präsidentschaftskandidaten zu treffen: es ist eines dieser vielen sehr einfachen Kaffees in Kairo, in denen auf billigen bunten Plastikstühlen sitzend Tee getrunken und Wasserpfeife geraucht wird. Der 59-jährige Mamdouh Ramzy hingegen trägt Anzug, Krawatte und goldene Manschettenknöpfe. Ebenso widersprüchlich ist Ramzy selbst. Einerseits kämpft er unerbittlich gegen Verbrechen des Militärregimes, andererseits ist er Mitglied in einer Partei, die erwägt, eine Kandidatur des ehemaligen Geheimdienstchefs und letzten Vizepräsidenten Mubaraks,  Omar Suleiman, zu unterstützen: „Morgen findet eine Sitzung des Parteipräsidiums statt, auf der entschieden wird, ob der Parteivorsitzende oder ich als Kandidat aufgestellt werden wird. Wenn das nicht passiert, werden wir Omar Suleiman den Rücken stärken.“ Doch diesem paradoxen Verhalten begegnet man fast täglich. Alle feiern die Revolution und wollen in Freiheit leben. Doch gleichzeitig sind viele Ägypter die ständigen Unruhen und die Gewalt leid, die entstanden ist, seitdem sich die früher erbarmungslos durchgreifenden Sicherheitskräfte einfach in ihre Kasernen zurückgezogen haben. Die Meisten wollen arbeiten und ihre materielle Situation verbessern. Doch viele Ägypter trauen die Lösung dieser Probleme am ehesten den Vertretern des alten und neuen Militärregimes zu. Deren Strategie, durch Duldung und Erzeugen eines Sicherheitsvakuums Sehnsucht nach der alten starken Hand zu erzeugen, scheint bei einigen Früchte getragen zu haben: eine am Montag bekannt gegebene Umfrage sieht Amr Musa, langjähriger Außenminister unter Mubarak, mit 33% in Führung. Ahmed Shafiq, der letzte Ministerpräsident Mubaraks erhält ebenfalls 10%.

Ramzy ist einer von etwa 1300 Ägyptern, die zumindest die Antragsformulare für eine Kandidatur bei der Obersten Wahlkommission abgeholt oder eingesehen haben. „Die meisten von denen machen sich einen Spaß daraus, aber die Regierung ist selber schuld. Sie hätten jeden Antragsteller verpflichten sollen, zuerst die Anforderungskriterien nachzuweisen und dann erst die Formulare auszugeben“, sagt Ramzy ernst. Um offiziell als Präsidentschaftskandidat bei der Kommission akzeptiert zu werden gibt es drei Möglichkeiten: das Sammeln von 30000 Unterschriften, die Unterstützung durch 30 Parlamentsabgeordnete oder ein Kandidat einer im Parlament vertretenen Partei zu sein. Ramzy’s Partei, die Reform und Entwicklungspartei, ist mit zwölf Abgeordneten in der Volksversammlung vertreten.

„Präsident werden wollte ich seit 2009. Damals hat die Muslimbruderschaft eine Umfrage durchgeführt, um herauszufinden, wie die ägyptische Gesellschaft in Zukunft aussehen soll. Christen haben sie jedoch von der Studie ausgeschlossen. Von da an kämpfte ich auch als Anwalt für die Rechte der Christen.“ Es ist eine Herkules-Aufgabe, der er sich verschrieben hat. Seit über 40 Jahren haben Ägyptens Diktatoren einen künstlichen Konflikt zwischen Muslimen und Christen erzeugt, um beide Seite gegeneinander auszuspielen und dadurch ihre Herrschaft zu stabilisieren, indem sie beiden Seiten das Gefühl gaben, dass die jeweils andere Seite ihnen schaden will. Ramzy fügt hinzu: „außerdem hat Saudi Arabien nach der Revolution begonnen, seine extreme Interpretation von Islam nach Ägypten zu exportieren, was alles noch schlimmer macht. Die wollen einen Gottesstaat errichten.“ Der Anwalt spricht sich klar für die Trennung von Staat und Kirche aus, für Demokratie und Menschenrechte und vor allem gegen eine Rolle des islamischen Rechts (Scharia) im neuen politischen System Ägyptens: „die Scharia werden wir Kopten auf keinen Fall akzeptieren“, sagt er mit kalter Miene.

Autokorso von Dokki nach Heliopolis. Foto: M. Sailer

Autokorso von Hazem Abu Ismail Anhängern von Dokki nach Heliopolis. Foto: M. Sailer

Doch das bringt ihn in massiven Konflikt mit der zweiten großen Wählergruppe: den Islamisten. Da ist zuerst Hazem Abu Ismail. Er ist Salafist, also Mitglied einer extremen Schule des Islam, die für eine wörtliche Lesart des Koran steht. In besagter Umfrage kam er mit 25% der Stimmen zum Entsetzen vieler Säkularer nach Amr Moussa auf Rang zwei. Seine zentrale Forderung ist die Einführung der Scharia. Ihm zufolge beruhen alle Probleme in Ägypten letztlich auf der Abwesenheit des islamischen Rechts. Kriminalität? –Scharia! Korruption? –Scharia! Wirtschaftspolitik? –Scharia! So in etwa ließe sich sein Programm stark vereinfacht zusammenfassen. Durch die Einführung drakonischer Strafen, wie zum Beispiel das Amputieren von je einem Arm und Bein bei Raub, würde so große Abschreckung erzeugt, dass sich früher oder später alle Probleme von selbst lösen würden. Diese populistischen Heilsversprechen kommen gut an: in einem kilometerlangen Autokorso zogen vor Kurzem Tausende seiner Anhänger von einer Moschee startend zur Wahlkommission, um dessen für die Kandidatenregistrierung gesammelten 150000 (!) Unterschriften einzureichen. Doch die kalte Dusche folgte bald: inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Abu Ismails Mutter die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, was eine Kandidatur rechtlich unmöglich machen würde. „Das freut mich sehr für diesen Fundamentalisten“, sagt Ramzy mit sichtlicher Genugtuung.

Und dann gibt es da noch Chairat El-Schater, der jüngst entgegen bisheriger Versprechen der Organisation von der Muslimbruderschaft ins Rennen geschickt wurde. „Der wird Ägypten regieren wie Ahmadinejad den Iran. Der Führer der Muslimbrüder, Mohamed Badia, wird dann der eigentliche Präsident des Landes sein und nicht El-Schater“, sagt Ramzy mit ernstem Blick. Er spielt damit auf die hierarchische Struktur der Bruderschaft an, in der Gehorsam und Loyalität gegenüber der Führung oberste Maxime ist. Auch wenn der mächtige El-Schater mit seiner konservativen Rhetorik im Moment vor allem versucht, die extremen Salafisten auf seine Seite zu ziehen, ist der Multimillionär tatsächlich alles andere als ein reformorientierter Kandidat. Sollte Hazem Abu Ismail von den Wahlen ausgeschlossen werden, stehen seine Chancen gut, der stärkste islamistische Kandidat zu werden. Die Unterstützung der Muslimbruderschaft und vieler Salafisten würde ihn in diesem Fall in einer Stichwahl wohl in ein Kopf- an Kopfrennen mit Amr Musa führen.

Der einzig weitere relevante islamistische Kandidat ist schließlich der moderate Abdel Moneim Abul Fotuh. „Ihn könnte ich unterstützen“, sagt Ramzy. Abul Fotuh hat mit dem Gehorsam gegenüber der Bruderschaft gebrochen, als er sich bereits im letzten Jahr als Präsidentschaftskandidat ankündigte. Vor allem die jungen Muslimbrüder unterstützen ihn inoffiziell –offiziell würde ihnen der Ausschluss aus der Organisation drohen. In der letzten Umfrage kam er jedoch lediglich auf 8%. Vermutlich wird die Stimmenzahl noch steigen, doch dass es bis in die Stichwahl reicht, ist zumindest im Moment unwahrscheinlich.

Aber auch wenn Ramzy die Obrigkeitshörigkeit der Muslimbruderschaft gegen deren Kandidaten anprangert: er selbst ist wie die Mehrheit der Ägypter nach mehr als einem halben Jahrhundert Diktatur nicht weniger hörig: die Schuld für den Tod von 27 Christen auf einer Demonstration vor dem Gebäude des Staatsfernsehens im Oktober weist er zwar klar dem Militärrat zu. Dennoch würde er eine Kandidatur des ehemaligen Chefs des gefürchteten Geheimdienstes durch seine Partei mittragen: „Persönlich gefällt mir das nicht, aber ich muss mich an die Entscheidung der Partei halten“.

Mamdouh Ramzy wird wohl –selbst wenn er bis zum heutigen Sonntag, dem letztmöglichen Registrierungstermin, offiziell von seiner Partei nominiert worden sein sollte, keine Chancen haben: „ich möchte vor allem beweisen, dass ein Christ Präsident werden könnte. Vielleicht werde ich Zweiter -nach Amr Moussa“. So wird am Ende wohl ein islamistischer oder ein dem Regime nahestehender Muslim Ägyptens neuer Präsident werden.

(Artikel erscheint in ähnlicher Form am 8.4.2012 im „Sonntag“ der HAZ)

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