Ägyptens Salafisten: Scharia als Lösung aller Probleme

(Artikel erschien im Luxemburger Wort v. 24.3.2012)

Seit Monaten sind es vor allem die Muslimbrüder mit ihrer eher von Pragmatismus geprägten moderateren Islaminterpretation, die das Bild Ägyptens in den westlichen Medien prägen. Doch im Parlament sitzen auch die Salafisten, die mit ihrer wörtlichen Lesart des Koran in den Parlamentswahlen die zweitstärkste Kraft wurden. Obwohl sie in der neugewählten Volksvertretung in der Minderheit sind, versuchen Sie, ihre extremen Ansichten in Politik umzusetzen. Indem Sie die Scharia populistisch als Antwort auf alle Probleme des Landes präsentieren, gewinnen Sie viele Anhänger.

Die salafistische Nour-Partei („Partei des Lichts“) machte in den letzten Wochen vor allem wegen ihres hohen Unterhaltungswerts Schlagzeilen: zuletzt als einer ihrer Abgeordneten einen Nasenverband nach einer Schönheitsoperation (nach salafistischer Lesart des Islam verboten) als Folge eines Überfalls tarnen wollte, bei dem ihm ins Gesicht geschlagen worden sei. Inzwischen wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Mamdouh Ismael, ein weitere Nour-Parlamentarier, stand mitten in einer Parlamentssitzung auf und rief in voller Lautstärke singend zum Gebet und der Nour-Abgeordnete Mohamed Al-Kurdi bezeichnete den Englischunterricht in der Grundschule indirekt als US-amerikanische Verschwörung.

Ernsthafter wurde es am Montag, als der Parlamentspräsident die Abgeordneten anlässlich des Todes des koptisch-christlichen Papstes aufforderte, sich zu einer Schweigeminute zu erheben: einige Nour-Parlamentarier blieben daraufhin sitzen, andere hatten das Plenum bereits vorher verlassen. Dass einige sich dennoch erhoben, zeigt, wie uneinig die Parteimitglieder sind.

Aufhorchen musste man jedoch als der Nour-Abgeordnete Addel Azzazy jüngst einen Gesetzesvorschlag in das Parlament einbrachte: dieser fordert für Verbrechen wie Raub oder Mord die Einführung von Scharia-Strafen. Der Vorschlag sieht vor, dem Schuldigen bei Raub jeweils einen Arm und ein Bein zu amputieren und Mörder hinzurichten. Auch einige Abgeordnete der Muslimbrüder unterstützen den Vorschlag.

Alle Salafisten fordern die Einführung der Scharia. Überraschend ist jedoch der frühe Zeitpunkt dieser Forderung etwa zwei Monate nach der ersten Parlamentssitzung. Noch während der Parlamentswahlen sagte mir der Sprecher der Nour-Partei in einem Interview, dass die Einführung der Scharia langsam und Schritt für Schritt erfolgen würde. Ähnlich sieht es auch Gamal Sabr, der Sprecher des unabhängigen salafistischen Präsidentschaftskandidaten Hazem Abu Ismail: „die Menschen sind noch zu weit von der Scharia entfernt. Wir werden ihnen daher sehr langsam das Gute an der Scharia erklären. Bevor irgendjemandem die Hand amputiert wird, müssen noch viele Dinge erledigt werden: der Staat muss seinen Menschen zuerst ein gutes Leben gewähren, damit sie nicht stehlen müssen.“ Damit spielt Sabr darauf an, dass diese Strafe nach seiner Islaminterpretation nur dann eingeführt werden darf, wenn es keine Armut mehr im Land gibt. Mit dem früh eingebrachten Gesetzesvorschlag konfrontiert, sagt Sabr: „wenn die Mehrheit der Menschen das akzeptiert –wo liegt das Problem? Schauen Sie, wie viele Sitze die Islamisten im Parlament gewonnen haben –das zeigt, dass die Mehrheit der Menschen will, dass Ägypten durch die Scharia regiert wird. Diese Strafe darf jedoch nicht angewendet werden, falls jemand aus Hunger stiehlt.“

Hinter der Einführung der Scharia steckt die Hoffnung der Salafisten, mit ihr eine Art Wunderwaffe gegen all die gewaltigen politischen, sozialen und ökonomischen Probleme gefunden zu haben, mit denen Ägypten im Moment besonders zu kämpfen hat: der  großen Armut und der gestiegenen Kriminalität. Vor allem die abschreckende Wirkung der barbarischen Strafen spielt in dieser Logik eine besondere Rolle: „stellen Sie sich vor, dass nur eine der sieben Scharia-Strafen aktiviert würde, zum Beispiel das Amputieren einer Hand bei Diebstahl: sie könnten ihre Wohnung verlassen, ohne die Tür abzuschließen. In Saudi Arabien wird das bereits praktiziert.“ sagt Sabr.

Letztlich würde sich nach Ansicht der meisten Salafisten auch das größte Problem des Landes, die überall vorherrschende Korruption, durch diese abschreckende Wirkung bald in Luft auflösen. Damit erübrigen sich schließlich auch aufwendige wirtschaftspolitische Konzepte: die Scharia wird als das Allheilmittel für alle Probleme angesehen. Dass Saudi Arabien, ähnlich wie Afghanistan oder der Iran, trotz drakonischer Strafen mit zu den korruptesten und unwirtschaftlichsten Staaten der Erde gehören, begründet Sabr damit, dass die Scharia hier dazu dient, das Regime zufriedenzustellen und nicht etwa Gott. Dass das gleiche jedoch auch in Ägypten passieren könnte, blendet er aus – ebenso wie die Tatsache, dass die Mordraten in Staaten, in denen die Todessstrafe praktiziert wird, also z.B. den USA,  keineswegs niedriger sind als in Ländern, in denen sie verboten ist.

So bleiben die politischen und noch mehr die wirtschaftlichen Konzepte der Salafisten vage –die populistischen Heilsversprechen durch die Einführung der Scharia machen die Salafisten und ihre extremen Ansichten jedoch für viele ungeduldige Ägypter sehr attraktiv: der Präsidentschaftskandidat Hazem Abu Ismael bekam am Mittwoch als erster die für eine Kandidatur erforderlichen 30000 Unterschriften zusammen. Ob in Ägypten Scharia-Strafen eingeführt werden, hängt letztlich jedoch vor allem von den Muslimbrüdern ab.

 

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